Stille, Nacht heilige Nacht ….  Hat die Welt ein Recht auf Stille?

Heute hören wir aus der 24/7 Symphony – aus der Reihe Guatemaltekische Konzerte-  den 2. Satz: Flores, das Intermezzo und dann den 1. Satz: San Marcos.

Guatemaltekische Konzerte – 2. Satz: Flores

Tagsüber das Übliche: Verkehr, Handygedudel, Verkehr, Radiogedudel, Verkehr, Musikgedudel, Verkehr, Geplapper, Gehupe, Lieferungen, kaputte Auspuffe, Busse knattern und ihre Schreier verkünden das Ziel, Straßenverkäufer. In stillen Momenten hört man das Rauschen einer Klimaanlage, doch diese Momente sind rar.

Vor meinem Hotel ist offensichtlich eine gute Stelle, um noch mal Gas zu geben, Schalten kann man außerhalb meiner Hörweite wieder.

18.00 Uhr: schwarz-blauschimmernde elegante Vögel versammeln sich wie jeden Abend auf der Palme schräg gegenüber. Keine Ahnung, ob sie debattieren oder zur rituellen Sext anstimmen. Auf alle Fälle übertönen sie die Motorengeräusche.

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Danach setzen die Bars ein, die sich mit unterschiedlichen Musikprogrammen versuchen zu übertönen. Besonders interessant wird es, wenn gleiche Lautstärken eine Quodlibet-Kakophonie komponieren.

Geplapper, Gekicher und Smalltalk-Ruferei flaniert zusammen mit den Touristen über die Straßen.

Dann setzt die Musik eine Weile aus, um dann noch gnadenloser mit aufs Maximum übersteuerten Bässe für den mitternächtlichen Höhepunkt zurückzukehren.

Aufräumstimmung: die Musik ist aus; lauthals wird gelacht, geredet, geschimpft.

Einer probiert sein sehr lautes Alarmsystem (am Tuk Tuk?) aus.

Motorengeräusche, es wird eingeladen. Es Poltert und scheppert.   

Getunte Motorbikes machen noch mal klar, was für ein toller Hengst ihr Besitzer ist.

Dann kehrt das ein, was man hier am Ort als die maximal Stille bezeichnen kann: man hört die Nachtvögel wieder laut krakeelen und der Verkehrslärm reduziert sich auf eine wesentlich kleinere Frequenz. Das laute Stimmengewirr entzerrt sich zu nachvollziehbaren Dialogen… wenn man spanisch könnte. Rascheln und klirren lässt auf Straßenreinigung schließen.

Ich schlafe und verpasse vermutlich das, was Flores an Stille zu bieten hat.

Es poltert, mein Bett wackelt, die Badtür quietscht, die Dusche geht an. Das Wasser rauscht ca. eine halbe Stunde mit nur kurzen Unterbrechungen. Diese sind deutlich hörbar, da die Hähne unangenehm quietschen beim Auf – und Zudrehen. What the f…. Es ist 3.30 mitten in der Nacht. Die Badtür quietscht.

Die Metallleiter scheppert gegen das Metallbett, es poltert wieder, die anderen beiden in meinem Zimmer stehen auch auf. Es ist 4.00 Uhr früh. Das Licht geht an, Schranktüren schlagen, Reisverschlüsse surren, Plastiktüten rascheln, Türenquietschen, Hahngequietsche. Die Zimmertür knallt zu. Draußen wird weitergeraschelt und gepoltert. Tür auf, Tür zu, auf, zu, auf, zu. … Ist es Still? … Der Schlüssel kratzt im Schloss, das Drehschloss ruckelt im Holz und ruckelt und ruckelt. Ich steh auf und öffne die Tür und lege mich gleich wieder ins Bett. Der Schlüssel wird herausgezogen, die Tür knallt zu. Der Rollkoffer rattert über den Fliesenboden.

Aus der Ferne „You go to Tikal?“.

Ich nehme anschließend das, was man hier so als Stille kriegen kann und versuche wieder einzuschlafen.

Der wohl beste Moment war, wo außer dem Surren der Klimaanlage im Nachbarzimmer nur noch ein undefinierbares Getrappel zu vernehmen ist. Es klingt, als würde ein kleines Kind einige Schritte rennen und wieder umkehren im Raum über mir. Aber da ist kein Raum über mir und auch kein Kind im Hostel. Gespickt war das mit über den Boden Rutschenden Stühlen von unten, vereinzelten Autogeräuschen. Und ja, es gibt auch ein paar Vögel. 

Ich wache auf, die Vögel wurden von ihren tagaktiven Kollegen abgelöst. Die Tuktukfrequenz steigt an. Das Motorbikegeknatter nimmt wieder zu.

Es ist 6.45 Uhr, ich bin sowas ähnliches wie wach und sitze auf dem Balkon. Das Motorenkonzert vermischt sich nun mit Frühstücksgeschirrgeklapper und den Rufen des Straßenverkäufers: Aguacate, Papaya, Mandarinas. 

Die Laster kommen wieder angepoltert. Durch das Schlagloch direkt vorm Hotel, kann man darüber spekulieren, wie schwer seine Ladung wohl ist. Ein Fernseher läuft. Die Putzcrew vom Hostel trägt das Handy mit Lieblingsmusik auf voller Lautstärke spazieren.

Das Telefon dudelt übersteuert und in regelmäßigen Abständen.

Guten Morgen, Flores.

Ich frage mich, ob man die leichten Wellen des Sees, der nur wenige Meter entfernt ist, hier oben im Hotel hören könnte. Und ob die Palme neben an eigentlich im Wind raschelt.  

INTERMEZZO 

Am Anfang in meiner Berliner Wohnung, habe ich einen harten Kampf mit unserer Hausmeisterin dort gefochten, die direkt über mir wohnte. Telefonieren bei offenem Fenster – ich krieg sofort auf die Mütze. Ein leiser Chat mit den Nachbarn auf dem Hof nach der Rückkehr vom Theater – boing.

Als mein Nachbar eine leere Flasche in die Glasmülltonne legt und man sich das  „klonk“ fast schon denken muss, so leise ist es, geht das Fenster auf und sie ruft: „He, es ist Sonntag!“.

Zu einem späteren Zeitpunkt – inzwischen sind wir Freunde geworden – da vertraut sie mir dann an, dass sie am Anfang, wenn die neuen Leute einziehen besonders streng ist. „Damit sie wissen, wie hier der Hase läuft!“ sagt sie. Nur gegen die alleinwohnende lesbische Transe??, die aufgrund ihrer Multiplen Sklerose- Erkrankung und ihres bereits angegriffenen Gehirns immer wenn sie keinen Besuch hat ausdauernd lauthals vor sich hin schimpft, kann sie nicht einschreiten. Fast eine Oase der Ruhe mitten im Berliner Wedding!

Und jetzt vermisse ich, dass sie hier in Lateinamerika mal für Ruhe und Ordnung sorgt!!

Ich habe meiner Freundin Bilder vom Atitlansee geschickt. Bei einem Telefonat erzählt sie mir, dass sie sich dort alles still vorgestellt hat. So sieht es auch aus. Die Berge, die majestätisch um den See gereiht ruhig in die Ferne blicken. Was sollte es auch für einen Grund geben, laut zu werden. Die sind so groß, dass selbst eine größere Stadt aussieht, als hätte man spaßeshalber eine Modelleisenbahn-Siedlung in den Berg gesetzt.

Und ich kann mir gut vorstellen, dass Antoine de Saint Exupéry, als er damals vom See inspiriert wurde den kleinen Prinzen zu schreiben, noch eine andere Geräuschkulisse vorgefunden hat. Zumindest gibt es keinen Lärmplaneten in seinem Buch. Aber der Vulkan Fuego und die Bergketten sind zu seinen Planeten geworden. Und die Schlange, die den Elefanten verspeist hat, der vermeintlich etwas schief geratene Hut, ruht hier in Form eines Berges.

Doch auch an diesem See ist es einfach nur laut. Die Soundkulisse scheint mir nicht mehr geeignet, um die Inspiration für ein so magisches Buch wie „Der kleine Prinz“ zu empfangen. Was ist da los am Atitlansee?

Guatemaltekische Konzerte – 1. Satz: San Marcos

Dieses mal war ich nicht so verkehrsgünstig gelegen, wie in Flores, direkt am Zugang zur Brücke von der Halbinsel zur Haupthandelsstadt San Benito. Vielmehr mussten man, um hier hin zu gelangen, 5 Minuten  mit dem Tuk Tuk einen so steilen Berg hochfahren, dass man schon Angst haben musste, hinten raus zu kippen und dann geht es noch mal 10 Minuten zu Fuß quer Berg ein. 

Doch da San Marcos, das Örtchen über dem wir da oben thronten, ein Mekka für ernährungsbewusste Ecstatic-Dance-Freaks ist, die morgens Yoga praktizieren und Abends Pilze konsumieren, ist es kurz gesagt auch nur Partytown – nur dass sich die Partypeople dort für alternativ und darum für etwas Besseres halten.

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Und somit mischt sich der Partylärm mit der Leidenschaft der Locals, auf ihren Geburtstag laut einen zu lassen und der grundlegenden Unkenntnis darüber, dass es so etwas wie Ruhezeiten geben könnte oder gar etwas, das „Stille“ heißt, existiert.

Einmal sind wir alle inmitten der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden. Zuerst gab es eine Kracherei, dass man, wäre man ein Kriegskind gewesen und diese Böllerei immerzu nicht fast schon gewohnt gewesen, vermutlich einen Herzstillstand bekommen hätte. So musste ich mich nur kurz orientieren, um zu verstehen was los ist. Es war 4.30 in der Früh. Und der ausgiebigen Knallerei folgten diverse Versionen von „Happy birthday to you“ auf spanisch. Ein musikalisches Highlight: Happy birthday im Viervierteltakt. SWR 4 anmutende, am Phrasenende glissandierende Interpretationen reihen sich an spanische Kinderchor- und Discobeat-Versionen. Das ein oder andere noch mal wiederholt, bevor man zum guatemaltekischen Schlager übergeht, der leider nicht anders ist, als der Deutsche. Eine Stunde lang Dauerbeschallung vom Berg.

Ich erzähle mir Geschichten, um mir nicht die Laune verderben zu lassen. Zum Beispiel, was für ein tolles Geschenk das Geburtstagskind von seinen Freunden bekommen hat: eine Überraschungsparty noch vor seinem frühen Arbeitsbeginn. 

In Deutschland wäre die Polizei sofort auf der Matte gestanden und bei mir in Berlin unsere Hausmeisterin :-). Hier hat sie vermutlich mitgefeiert – also die Polizei, nicht die Hausmeisterin.

Zum Schluss hat man noch mal so richtig losgeböllert und dann wurden meine Ohren wieder mir selbst überlassen. Wie sie da dran sitzen und fast bluten, die Ohren, an meinem nicht mehr zum Schlaf fähigen Körper….

Ruhe ist Kultursache 

zumindest Ansichtssache.

Und totale Stille 

gibt es gar nicht.

Von der Natur nicht vorgesehen;

von der Menschheit weit übertrumpft. 

Und dass man inzwischen auch noch visuell nicht nur an-, sondern regelrecht zusammen gebrüllt wird, ist noch mal eine ganz andere Geschichte … .

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