Wenn Arbeit keine Arbeit ist

Hier in Guatemala sieht man Kinder, schon in sehr jungem Alter, arbeiten. Z. B. haben wir neulich in einem Gemüseladen eingekauft, da war ein Mädchen, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, ein Junge, vielleicht 5 oder 6 und ein noch kleinerer Junge. Diese 3 haben sozusagen den Laden geschmissen. Der Junge hat gedealt: nimm doch 2 Bananen für den Preis von 5 Q. Und das Mädchen hat danach gewissenhaft einzeln die Preise genannt, für uns nachvollziehbar laut addiert und in unseren Rucksack gesteckt. Es waren 39 Q. Worauf sie sagte, nimm noch eine Banane und gib mir 40 Q.

Was sind Deine Gedanken dazu?
Vielleicht sowas wie: das sind Kinder, die sollten spielen, nicht im Gemüseladen arbeiten? Oder: mit Kindern mache ich keine Geschäfte? Oder auch: Kinderarbeit unterstütze ich nicht, ich hätte einen anderen Laden aufgesucht? Oder, oder, oder, … Ich denke man kann in diesem Fall viele verschiedene Gedanken haben, besonders wenn man die deutschen Gesetze für die sog. „heile Kinderwelt“ heranzieht. Ich persönlich habe dazu noch keine abschließende Meinung, aber versucht, das Ganze mal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und ein paar Fragen aufzuwerfen.
Denn zugegebenermaßen hat sich in mein Kopf z. B. der Gedanke geschlichen „Krass, die überlassen 3 sehr jungen Kindern den Laden, sind die dieser Verantwortung gewachsen?“ Und – man kommt nicht umhin viele Kinder hier arbeiten zu sehen – ich habe mich gefragt, ob das Aushelfen und Business machen das Kinderprivileg  der Unbeschwertheit zerstört.
Unicef hat hierfür Kriterien festgelegt, die zeigen, wann Kinderarbeit als schädliche Ausbeutung bezeichnet werden muss. Dies ist der Fall, wenn
  • die Kinder vollbeschäftigt werden,
  • sie zu viel Verantwortung tragen, unter langen Arbeitszeiten und schlechter Bezahlung leiden,
  • die Arbeit langweilig und monoton ist,
  • das Arbeitsumfeld gefährlich ist, zum Beispiel unter Tage oder auf der Straße,
  • die Arbeit sie körperlich oder seelisch zu stark belastet,
  • keine Zeit und Kraft mehr für die Schule und zum Lernen bleiben.
Und ich komme nicht umhin, auch die andere Seite zu erzählen, die ich hier sehe, Nämlich Kinder, die mit ihrem Bauchladen umher wandern und den Touristen verzweifelt versuchen Handarbeiten, Nüsse oder Bananenbrot aufzuquatschen. Sie traben Berge treppauf und treppab. Spielen ihren Kindermitleidsbonus aus setzen auf ihre Überredungskünste. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann vielleicht beim 2. oder 3. Anlauf. Und das nervt beide Seiten!! Das ist monoton, ausbeuterisch und hält die Kinder vom Lernen ab.

Was ist Arbeit?
Und damit bin ich bei einem Thema gelandet, dass mich seit einiger Zeit sehr beschäftigt. Nämlich die Frage: Was eigentlich ist Arbeit? Dieses Thema interessiert mich, weil ich mich frage, was ich selbst in meinem Leben tun möchte, warum ich etwas tue und ob es an Gegenleistung gekoppelt sein muss. Und es interessiert mich, weil ich viele Menschen nicht darin verstehe, welche Arbeiten und zu welchen Bedingungen sie diese erledigen. Arbeit, wie wir sie im westlichen Sinne verstehen, hat oftmals mit Würdelosigkeit zu tun. Oder wie wir oben lesen können, gibt es gefährliche, monotone, seelisch belastende Arbeiten, die zwar Kinder nicht erledigen sollen, Erwachsene jedoch schon. Man kann an dieser Stelle nun argumentieren, dass die Erwachsenen erwachsen sind und selbst darüber entscheiden können, ob sie etwas tun oder aus nachvollziehbaren Gründen eben nicht. Meine Beobachtung jedoch ist eine andere: die Menschen erledigen sie in erster Linie, um sich in das bestehenden System integrieren zu können und leider oftmals  auch aus Angst, Zwang oder aus Alternativlosigkeit heraus. Die große Mehrheit der Menschen hängt vom Weiterfunktionieren des Systems völlig ab, da sie keine andere Existenzoption haben. Nur in wenigen glücklichen Fällen, kommt die Passion mit stressfreier Erwerbstätigkeit zusammen.
Wikipedia unterscheidet zwischen bezahlter Erwerbstätigkeit und unentgeltlicher Arbeit. Unentgeltliche Arbeit kann neben Sklavenarbeit, Hausarbeit oder Ehrenamt in „Reproduktionsarbeit“, die der Erschaffung und dem Erhalt der Gesellschaft dient, sowie in „Subsistenzarbeit“ unterschieden werden, die der Mensch verrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu produzieren und so sein Überleben zu sichern“.
Doch die meisten widmen sich der bezahlten „Erwerbstätigkeit, der Tätigkeit, mit welcher der menschliche Lebensunterhalt bestritten werden kann“. Man bekommt dafür Geld, also ein abstraktes Tauschmittel, um den wohlgemerkt „menschlichen“ Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Nur mal so am Rande: kein anderes Lebewesen auf der Erde, arbeitet, um eine Ersatzwährung zu erhalten, mit der es seinen Lebenserhalt sichert. Aber es geht hier ja auch nicht mehr um Erhalt, sondern Unterhalt …. .
Doch was genau ist der menschliche Lebensunterhalt? Dass ich habe, was ich brauche zum Leben, also Trinkwasser, einen warmen, trockenen Ort zum Leben, etwas zu Essen, sozialen und liebevollen Zusammenhalt? Oder ist es Lebenserhalt plus Konsum oder gar Luxus?

Gier und Unvernunft steuern den Umgang mit lebenserhaltenden Ressourcen
Die klaren Aspekte für den Erhalt unserer Lebens auf der Erde nur noch abstrakt in monetärem Ausgleich zu denken ist nachweislich nicht zielführend. Es führt zu immer mehr ansteigender Ungerechtigkeit.
Vielmehr sollten wir uns überlegen, ob freier und auch selbstbestimmt Zugang zu diesen Ressourcen nicht ein Grundrecht auf der ganzen Welt sein muss. Doch viele Länder erschweren, verunmöglichen oder verbieten gar die Möglichkeit auf ein selbstgestaltetes, unabhängiges Leben. … zu Gunsten der Gier von Menschen, die von sich selbst und von der Welt entfremdeten sind. Scheinbegünstigte – in meinen Augen Opfer – des sich unweigerlich selbstzerstörenden Systems der „Megamaschine“ (Begriff des Historikers Lewis Mumford; 1895-1990 und aufgegriffen von Fabian Scheidler, in seinem sehr empfehlenswerten und aufschlussreichen Buch: Das Ende der Megamaschine). So darf beispielsweise uneingeschränkt und fröhlich Glyphosat auf all unseren Äckern aufgebracht werden, während die Lebensgemeinschaft ZEGG nach 25 Jahren nicht mehr die natürlichen Feststoffe ihres Abwassers  auf ihren eigenen Obstwiesen ausstreuen darf.
Und zu Ungunsten der Ressourcen der Welt, die von uns Menschen angemessen, also nachhaltig genutzt werden sollten und deren Recht auf Nutzung allen Menschen gleichermaßen zustehen sollte.
So darf, wir wissen es alle, Nestlé und Coca Cola Wasser privatisieren und teuer verkaufen. Mit der Begründung, dass sie ja auch die Leistung der Reinigung erbringen … okay, nachdem sie es mit ihrer Chemie untrinkbar gemacht haben. Und schon müssen Menschen im oben definierten Sinne arbeiten, um ihr Überleben, zu neudeutsch „Unterhalt“ zu sichern.
Unvernünftige Überregulation und Zerstörungen der Umwelt verhindern, dass wir von Sonne, fruchtbarer Erde und sauberem Wasser unser Leben gestalten können, wie wir es für uns selbst und unsere Lieben wünschen.
Viel mehr leben wir in einer Gesellschaftsordnung, in der Inhabern von Eigentumsrechten an Existenzgrundlagen anderer Menschen dadurch Einkommen zufließt.
Doch zurück zu den Dreien im Gemüseladen.
Ist das jetzt Arbeit, im Sinne des Bestreitens von menschlichem Lebensunterhalt? Ist es verwerflich, dass die Kinder hier nicht ihre Kindheit frei und unbeschwert genießen können? Oder – um einmal eine ganz andere Perspektive einzunehmen – ist es Lernen mit Wirklichkeitsbezug, Freude und Erfahren von Selbstwert durch entgegengebrachtes Vertrauen und Verantwortung?
Die Frage, die sich mir aufdrängt: Sind sie tatsächlich weniger unbeschwert als die Kinder in Deutschland? Kinder und Jugendliche, die einem immer massiver werdenden Leistungsdruck in der Schule und der Gesellschaft ausgesetzt sind? Zumindest sehe ich, dass die Kinder hier Wertschätzung erfahren, wie beispielsweise, das kleine Mädchen von ihrem Vater, welches uns die heißen Temales (Maisschnitte mit verschiedenen Toppings im Bananenblatt) reicht und schon sehr geschäftig und gewissenhaft dieser Aufgabe nachgeht. In ihrem Ausdruck habe ich ehrlich gesagt nichts anders gesehen, als bei meiner kleinen Nichte, wenn sie mir an Weihnachten im Kaufladen verschiedene Sachen aus den Regalen sucht.

Arbeit – per Definition Mühsal und Sklaverei
Ich ziehe erneut Wikipedia hinzu, denn was man über den „Begriff der Arbeit“ dort liest ist schaurig und wirft die Frage auf, weshalb man überhaupt noch Arbeiten wollen wöllte: „Das Wort „Arbeit“ ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbējiðiz, got. arbaiþs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- „verwaist“, Waise, „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota („Knechtschaft“, „Sklaverei“, vgl. Roboter). Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort „travail“ leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab. Das italienische „lavoro“ und englische „labour“ (amerikanisch „labor“) gehen auf das lateinische „labor“ zurück, das ebenfalls primär „Mühe“ bedeutet.“
AHHHHRGRRRR :-O
Gruselig, nicht wahr? Und doch steckt darin sehr viel Wahrheit, denn wenn man Menschen in Lohn und Brot befragt, warum sie ihre Arbeit tun, dann kommt meistens eine Antwort dieser Art heraus. „Ich leiste etwas für jemanden, um im Gegenzug von ihm X zu bekommen“. In der Regel ist X unser Lebensunterhalt in Form von Geld.
Erinnern wir uns noch mal an die Kriterien von Unicef. Vieles, was dort als unzumutbar für die Kinder eingestuft wird, ist in den Arbeiten, die Erwachsene erledigen, mehr die Regel, als die Ausnahme.

Kommt es nicht letztendlich darauf an, ob man die Tätigkeiten freiwillig tut?
Für Dr. Götz Werner ist „Arbeit für andere etwas zu leisten.“ Der Gemeinschaft, also z. B. der Familie, dem Ort, in dem man lebt, eine Gruppe, der man sich verbunden fühlt und Menschen, denen gegenüber man Empathie hat. Also menschliche Gründe, etwas leisten zu wollen. Die Gründe können sehr verschieden sein. Z. B. Zuneigung, Sympathie, Liebe, aber auch eine erkennbare empfundenen Notwendigkeit.
Ist etwas freiwillig zu tun, also aus eigenem Willen, am besten intrinsisch motiviert, dann per Definition überhaupt Arbeit?
Wie viel schöner ist es, wenn es bei der Erledigung von Aufgaben darum geht, wie viel eigene Verantwortung man darin übernehmen kann, ob man diese mit Freude tut, ob man der Aufgabe gewachsen ist, ob die Zeit, die man dafür hat, angemessen ist, welchen Sinn und Wert das Ergebnis hat und ob man dafür entsprechend Rückmeldung erhält, jenseits von monetärer Bewertung.
Wenn man Arbeit als etwas sinnvolles, dem Leben dienendes definiert, was ist dann das andere?
Oder kann man „Arbeit“ einfach getrost abschaffen und nur das andere tun? Es einfach tun, weil es wert ist, getan zu werden.

 

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