Entschieden

Die Deutschsprachigen haben eine Vielfalt an Möglichkeiten, wenn es um das Entscheiden geht. Es geht schon damit los, dass sie sich entscheiden müssen, ob sie eine Entscheidung treffen oder zu einer Entscheidung kommen wollen, ob sie eine Entscheidung finden oder ob sie lieber fällen wollen.

Vielleicht sind sie auch schon entschieden, dann fällt das Wählen flach.

In anderen Sprachen scheint eine Wahlmöglichkeit weniger bis nicht gegeben. Ob sich das auf eine Kultur auswirkt, ob ich, bevor ich von der Entscheidung sprechen kann, erst mal entscheiden muss, was es denn jetzt nun genau mit dieser auf sich hatte oder haben wird, während andere eine Entscheidung einfach nur machen können oder nehmen müssen?   

Man findet zu keiner Entscheidung. Tausend Irrwege geht man und stolpert durch ein Labyrinth, steckt in der Sackgasse und hat das Gefühl, man dreht sich im Kreis. Stößt immer wieder auf die selben Hindernisse. Aber die Entscheidung versteckt sich und will ums Verrecken nicht gefunden werden. 

Aber wenn sie doch nun mal her muss? Dann ist vielleicht das Suchen und Finden wollen kein guter Ratgeber.

Im Deutschen „treffen“ wir meistens Entscheidungen. Klingt irgendwie erst mal nett. Ich hatte ein Rendezvous mit meiner Entscheidung, vielleicht war’s auch ein blinde date oder ein Treffen mit alten Bekannten, guten Freunden oder aber mit unangenehmen Typen — ein willkommenes oder unwillkommenes (Wieder-)Sehen. Im übertragenen Sinne könnte hier von Entscheidungen die Rede sein, in die man entweder kopflos reingestolpert ist oder die man immer wieder falsch zu treffen scheint, vom stecken bleiben in alten Gewohnheiten — ob aus Bequemlichkeit, Überzeugung oder fehlenden Alternativen — aber auch von der Entscheidung, sich unangenehmen Pflichten zu stellen.

Treffen. Wo trifft man die denn? Wo treiben die sich denn herum? Und will man die überhaupt immer treffen? Vielleicht will man denen gar nicht zu Nahe kommen.

Ist es am Ende reiner Zufall, ob man eine trifft? Und treffen die auf mich oder treffe ich auf sie? Wollen wir überhaupt etwas miteinander zu tun haben? Am Ende nähern wir uns vielleicht auch einander an? Hier scheint der Kompromiss aufs Tapet zu kommen.

Treffen benötigt also die Zustimmung von zwei Seiten, es ist Zufall oder kalkulierte Wahrscheinlichkeit — also ganz und gar nicht unabhängig.

Aber wenn mir die Entscheidung zufällt, sie sozusagen überraschend in mein Haus einfällt, einfach und eindeutig, ein unwiderstehliches Angebot, das ist auch mal schön.

Vielleicht hat das Treffen einer Entscheidung auch etwas Willkürliches. Es ist mal das eine oder das andere. Spielt vielleicht auch gar keine große Rolle. Es ist nicht so bedeutend, ob ich heute Reis oder Nudeln koche, noch einen Film sehe oder ins Bett gehe oder ob ich den Bus nehme oder aufs Fahrrad zu steige. Heute ist es dies und an einem anderen Tag das andere.

Oder trifft man Entscheidungen am Ende wie beim Zielen mit einem Pfeil auf eine Scheibe?

Ich ziele auf etwas ab und dann schaue ich, was und wo ich getroffen habe und was die Bedeutung davon sein mag. Je klarer mein Ziel ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit ins Schwarze zu treffen.

Und wenn ich gar kein Ziel habe, kann es im besten Falle noch ein Glückstreffer werden oder im schlimmsten Fall auch mal völlig daneben liegen. Wobei, wie kann ich daneben liegen, wenn ich kein definiertes Ziel hatte? Gut, vielleicht erkenne ich das am Schlamassel, am verursachten Scherbenhaufen oder schlicht an meiner Unzufriedenheit. Aber der Glückstreffer, der bringt vielleicht etwas hervor, das ich mir nie als Ziel hätte vorstellen können, geschweige denn es treffen. Und dann ist es doch gut, wenn man eine Entscheidung treffen kann, einfach so aus Versehen. 

Im englischen wird „treffen“ in beiderlei Sinne mit zwei unterschiedlichen Worten (meet/ hit) übersetzt und keines von beiden verwenden sie in Bezug auf Entscheidungen.

Im englischen „macht“ man eine Entscheidung (to make a decision). Das klingt für mich zumindest nach viel Eigenverantwortung, Selbstgestaltung und handfester Arbeit dahinter. Ich mache meine Entscheidung selbst, ganz so, wie sie mir gefällt.

Ich entscheide auch woraus sie gemacht ist, wie sie aussieht, wie sie aufgebaut ist und was ich dafür brauche, um sie machen zu können. Ich forme und gestalte sie, ganz wie ich sie mag und wie ich sie mir taugt.

Im Deutschen können wir aber auch Entscheidungen „fällen“. Da steckt für mich die Wutkraft drin, die Kraft des präzise geführten Schwerthiebs. Dieser steht für Klarheit. Ich habe eine Entscheidung gefällt, heißt, ich habe im Vorfeld abgewägt, ob es besser ist, den Schnitt an dieser Kante oder in jenem Winkel anzusetzen. Ich habe mir bewusst gemacht, welche Konsequenten die gefällte Entscheidung mit sich bringt, was sie in ihrem Umfeld auslöst und verändert. Ich wäge gegebenenfalls auch Risiken und Gefahren ab. Und wenn ich sie fälle, dann fällt der Baum in eine bestimmte Richtung. Mit Getöse folgt er der Schwerkraft, donnert auf den Boden und wirkt. Und ja, wenn die Entscheidung gefällt ist, mag es mit Spänen, Scherben und Toden einhergehen. Das Schwert der Klarheit fällt und formt: etwas fällt weg, wird geopfert und stirbt vielleicht auch. Oder es bleibt dort und findet keine weitere Beachtung mehr von mir. Das andere — mit klaren Linien und Struktur — wird mitgenommen, vielleicht auch präsentiert.

Doch sind gefällte Entscheidungen wirklich so unwiderruflich wie ein gefällter Baum? Oder kann man nicht doch erneut durch den Wald streunen und sehen, ob man nicht noch die ein oder andere — bessere — Entscheidung unterwegs trifft?     

Zu einer Entscheidung “komme“. Das erscheint mir plausibel. Um zu einer Entscheidung zu kommen, muss ich wissen, wo sie zu finden ist. Ich treffe sie nicht einfach zufällig oder werde von ihr erblickt und in Beschlag genommen.

Ich kenne sie und ihr Umfeld im Großen und Ganzen und komme gezielt hin zu ihr. Vielleicht hat sie mich einbestellt oder ich tauche ohne Ankündigung  auf. Vielleicht haben wir auch etwas ausgemacht. Unter Umständen haben wir uns gemeinsam etwas vorgenommen. Wie auch immer, alles weist auf eine Vorgeschichte hin.

Im spanischen hingegen „nimmt“ man eine Entscheidung (tomar una decisión).

Schön. Man hat dies und das im Angebot, bekommt dieses oder jenes angeboten, schmackhaft gemacht und dann nimmt man es sich einfach.

Man nimmt was man möchte. Oder braucht. Oder haben sollte. Oder nicht haben sollte, aber will. Oder einfach haben muss. Der Fokus liegt mehr darauf, weshalb eine Entscheidung her soll, damit man weiß, was man nehmen soll. Aber irgendwie steckt auch eine Begrenzung dahinter. Was nicht da ist, kann ich nicht nehmen. Oder ich muss dafür sorgen, dass das, was ich nehmen möchte, auch da ist. Hier kommen wieder Handlungsspielraum und  Verantwortung mit ins Spiel.

Ja – und dann ist das Nehmen doch auch wieder gar nicht so leicht.

Vivian Dittmar schreibt in ihrem Buch „Das innere Navi“, dass Entscheidungen „geschehen“ können. Sie bezieht sich darauf, dass neben der Ratio auch andere Denkdisziplinen von uns gehört, ernst genommen und einbezogen werden möchten beim Entscheiden, nämlich die Intuition und die Weisheit des Herzens. Tatsächlich hält sie Ratio für keinen besonders guten Ratgeber bei vielen Arten von Entscheidungen, da die meisten Entscheidungen eben gar nicht rational getroffen werden oder auch gar nicht getroffen werden können. Oft merken wir nur nicht, dass wir sie nicht rational getroffen haben. Was wir aber sehr wohl merken ist, dass wir unzufrieden sind oder sogar im Schlamassel stecken.

Geschehen – das klingt einfach. Wenn etwas einfach geschieht, so suggeriert mir das Wort, muss ich rein gar nichts dafür tun. Es passiert einfach. Doch ist es wirklich so einfach?

Ich glaube nicht. Viel mehr haben wir in unserem System schon sehr viel Informationen auf unterschiedlichen Kanälen gesammelt, damit auf dieser Basis eine unbewusste Entscheidung entstehen kann. Diese gilt es dann entweder in sich wahrzunehmen oder sie aufzuspüren.

Bist Du entschieden? Darin steckt das „sein“. Ich BIN etwas, da ist etwas in einem drin bzw.  IST man etwa. Aber was? Ist es ein Gefühl? Eine Empfindung, eine innere Stimme, ein Gedanke? Was steckt da drin in mir, dass ich entschieden SEIN kann?

Beimentschieden sein“ mache ich jedenfalls nichts mit der Entscheidung, ich treffe sie nicht, ich fälle sie nicht, ich finde sie nicht. Sondern etwas ist in mir passiert, dass ich das, was die Entscheidung ist, bin.

Hast Du Dich entschieden? Darin steckt das „haben“. Ich habe also eine Entscheidung. Weiß der Kuckuck wie die zu mir gekommen ist, aber jetzt scheine ich sie einfach zu haben.

 

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Nun möchte ich einen Bogen schlagen zu unserer Suche nach einem Leben mit  Freiraum. Wie sind wir zu unseren Entscheidungen gelangt?

Wieso ist nun Mexico das Land unserer Wahl?

Das stand doch noch nicht mal auf der Liste, als wir Ende 2018 losgezogen sind, um unseren neuen Lebensraum ausfindig zu machen!!

Und wie kam es denn überhaupt dazu, dass wir auswandern wollten!?!

Angefangen hat es damit, dass wir beide gerade nicht arbeiten mussten/ wollten und während dieser Auszeit eine Weile in einer großen Lebensgemeinschaft in Deutschland (ZEGG) zugebracht haben — zum Lernen, Erfahren, Verändern.

Der Gedanke einer gemeinsamen Weltreise stand schon länger im Raum. In der ZEGG-Kneipe haben wir den Atlas dort aus dem Bücherregal gewälzt und hin und wieder Zufallsspielchen gespielt. Einer blättert durch, der andere sagt stopp, einer gleitet mit dem Finger über die aufgeschlagene Seite, der andere sagt stopp. Dann die Frage, ob das unsere Reiseziel sein könnte. Die Motivation, die aus dem Zufall resultierenden Orte zu besuchen war, gelinde gesagt, gering. Also taten wir es auch nicht.

Dann gab es die Möglichkeit bei einem Fundraising für das ZEGG einen Aufenthalt in einer Community auf Big Island, Hawaii zu ersteigern. Wir haben uns angesehen und gemeldet und den Zuschlag bekommen. Irgendwie hat uns diese Entscheidung „überrannt“, obwohl wir ja selbsttätig die Hand gehoben, uns also für das Angebot aktiv entschieden zu haben scheinen.

Damit war dann der Start oder Endpunkt unserer Weltreise gesetzt.

Im Nachhinein hat sich Hawaii nicht wirklich als gute Position für weitere Länderplanung erwiesen, da es doch wesentlich weiter von wirklich ALLEM weg ist, als ich mir das hätte vorstellen können. Es gab dann die Möglichkeit über Japan oder über die USA dort hin zu fliegen. Obwohl mich Japan unglaublich interessiert hätte, war unsere Entscheidung auf die USA gefallen. Entschieden hat zum einen mein Geldbeutel — Japan hätte das Budget gesprengt … hätte ich damals mal schon das Preislevel von Hawaii gekannt …    zum anderen ich selbst: ich wollte unbedingt wieder nach Südamerika. Das hatte ich zum damaligen Zeitpunkt viel weniger bereist als Asien. Also basierte die Entscheidung auf einer Mischung aus Mangel und Neugier.

Rückblickend ist oft gar nicht mehr klar, wann oder gar wie unsere Entscheidungen gefallen sind. Meine Ausgangsposition war erst mal nur „Unzufriedenheit im aktuellen Zustand mit dem Unwissen, wie es anders gehen könnte“. Klar war: ich will Kunst machen! Aber nicht zu dem Preis, wie er derzeit und auch jetzt noch, in Deutschland zu bezahlen ist. Doch was musste passieren, dass in mir eine andere Entscheidung fallen kann?

Ich erinnere ich mich noch an zwei maßgebliche Punkte:

Zum einen war ich in Nicaragua auf Circus Island und konnte sehen, dass es möglich ist, Künstleroasen zu schaffen, die finanzierbar sind und das Interesse daran groß ist. In mein System hat sich also die Gewissheit der Machbarkeit einnisten können. Zuvor waren es nur Träume einer schönen Vision, die auf unsicheren Beinen stand. Diese Machbarkeit zu sehen und vor allem mitzuerleben, gekoppelt mit meinem ausgeprägten inspirativen Denken, hat eine neue Idee erschaffen. Auf meine Leidenschaften und Kompetenzen ausgelegt und dennoch nah genug an dem erlebten Projekt, wurde eine Realisierung überhaupt erst denkbar für mich. Und nicht nur das, die Idee wurde attraktiv und meine Gedanken strickten Konzepte, um es auch Schritt für Schritt umsetzen zu können.

Der Gedanke, auszuwandern und ein neues Leben, weit weg von Deutschland war zum ersten Mal denkbar. Auch wenn Europa immer mal wieder im Hinterkopf aufpoppte.

Was davor noch aufgrund von Sprachbarrieren und fehlenden Kunstförderprogrammen undenkbar war, hat sich einen Weg gebahnt, der zum ersten mal für mich Sinn ergeben hat.    

Frank und ich gingen also mit der Idee schwanger, wie es wäre auszuwandern, wo das sein könnte und wie wir uns das jeweils vorstellen würden. Was wollen wir beide zusammen machen, was unabhängig voneinander und wie kriegen wir das zusammen und auf solide Füße? Ist die Idee vom Auswandern tatsächlich eine echte Möglichkeit für uns beide — ja oder nein? Noch auf unserer Reise wollte und musste ich darauf schnell eine Antwort haben. Denn exakt jetzt war der Moment, wo ich hätte anfangen müssen Projektanträge zu schreiben, sollte ich in mein altes Leben zurück müssen.

Denn eines war klar, bevor ich Kellnern gehe in Deutschland, mache ich lieber Projekte die das Land will für wenig Geld zu schlechten Bedingungen. Auch wenn ich mich grundsätzlich eben GEGEN diese Form des Kunstschaffens entschieden hatte. Denn das ist noch einmal ein ganz anderer Aspekt. Hat man erst mal eine klare Entscheidung getroffen, kann man sie gleich und unabhängig umsetzen? In dem Fall waren es viele kleine Schnitte und zahlreiche weitere Entscheidungen, die sich aus eben dieser großen Entscheidung ergaben.

Frank war in seiner Entscheidungsnotwendigkeit jedoch gar nicht in Bedrängnis.

Ich erinnere mich noch an dieses Gespräch. Wir saßen auf einem Stein auf der Insel Ometepe auf dem Nicaraguasee und warteten auf den Bus. Und ich machte ihm klar, warum ich jetzt wissen müsse, ob er sich das vorstellen kann oder nicht. Oder wir das tun wollten oder eben nicht. Ich erinnere mich auch daran, dass eben dort keine Entscheidung gefallen ist. Und ich erinnere mich überhaupt nicht daran, dass diesbezüglich jemals eine Entscheidung getroffen wurde.

Woran ich mich jedoch sehr gut erinnere ist, dass Frank auf Hawaii recherchiert hat, welche Länder für ganzjährige Selbstversorgung in Frage kämen und wo gleichzeitig eine   unbefristete Einwanderung überhaupt möglich ist und ob wir beide die Kriterien erfüllen können. Damit ist unser Lieblingsland — Thailand — auch schon raus gewesen. Dafür hätten wir Rentner und über 55 Jahre alt sein müssen. Solange wollten wir dann doch nicht warten. Machmal wird halt auch für uns entschieden.

Da uns Hawaii in vielerlei Hinsicht nicht gefallen hat, haben wir die sehr klare  Entscheidung gefällt, dass wir den Aufenthalt früher als geplant abbrechen, die Flüge umbuchen, unsere Reise jedoch verlängern und sind spontan nach Malaysia geflogen. Zu dem Zeitpunkt war auch schon klar, dass wir erneut Reisen werden, dieses Mal mit dem Fokus, wo wir uns niederlassen wollen. Doch wo in Gottes Namen war diese Entscheidung hergekommen? Und seit wann war sie denn da? Wie kam es dazu? Also gefällt oder gemacht wurde sie jedenfalls nicht. Sie hat sich eher „ergeben“, durch viele „andere Dinge, die wir gemacht haben“. Davon reden, davon träumen, gezielt zu recherchieren und Informationen zu sammeln und sich verschiedene Szenarien ausmalen, Argumente für das eine oder andere austauschen hat wohl zu dem von Vivian Dittmar beschriebenen „geschehen“ einer Entscheidung geführt.

Wir sind also nach Malaysia geflogen, da es so ziemlich das einzige asiatische Land war, das klimatisch und einwanderungstechnisch übrig geblieben ist. Ich bin ja auch nach wie vor noch Asienfan — die Mentalität, das Kulinarische, der Sinn für Ästhetik. Da alle anderen in Frage kommenden Länder in Süd- bzw.Lateinamerika lagen, schien uns das pragmatisch zu sein, Asien noch in diesem Reisezyklus mitzunehmen.

In dem Fall haben wir es abgecheckt und ausgemustert. Der Clash von unserem Motto „Auf der Suche nach einem Leben mit Freiraum“ auf eine muslimisch stark geprägten Kultur, war dann doch zu groß. Und so entschieden wir, die Suche nach einem neuen Heim auf Süd- und Lateinamerika beschränken.

Aber zuvor ging es zurück nach Deutschland. Ein halbes Jahr lang haben wir Vorkehrungen getroffen, um uns von möglichst viel zu befreien: von Handy – und  Versicherungsverträge, Möbel und Geschirr, Bücher und Cds, Kleidung, Besitztümer aller Art. Ebenso vom geschäftlichen Hab und Gut sowie den Verbindlichkeiten. Bis wir frei waren, selbst von Krankenversicherung, Unternehmensleitung und dem Dasein als Einwohner Deutschlands.

Wir haben so viel wie möglich über die einzelnen Länder Süd- und Lateinamerikas versucht herauszufinden. Klima, Sicherheit, Einwanderungsbedingungen, BIP, Bildung, Vegetation, Tiere, politische Haltung, Traditionen um nur einiges zu nennen. Ein weiterer Punkt war, ob es dort bereits nachhaltig lebende Gemeinschaften gibt —  also wo finden wir schon einige Gleichgesinnte?

Am Ende kam eine Liste von 5 Ländern heraus, wie im ersten Blogartikel ja zu lesen ist:

Guatemala – Panama – Costa Rica – Ecuador – Peru

Mexiko stand nicht auf der Liste. Interessante Kultur, interessantes Klima, viel zu gefährlich, zumindest laut dem Auswärtigen Amt in Deutschland und den gängigen Medien.

Wir haben in Guatemala anfangen, da ich dort Communities gefunden hatte, die ich aufgrund ihres künstlerischen Schwerpunktes interessant fand, die mich eingeladen haben dort zu arbeiten und weil die Flüge dahin vergleichsweise preiswert waren. Von dort wollten wir uns dann auf dem Landweg Richtung Süden zu den anderen Länder der Liste aufmachen. Doch dazu kam es nicht.

Alles in allem war Guatemala ein Graus für uns. Nicht mal ansatzweise das, was wir gesucht haben. Und dennoch war Guatemala ein Ort, wo wir wortwörtlich Entscheidungen gefunden haben und eine Basis für weitere Entscheidungen geschaffen wurde.

So wurde ein für alle Mal geklärt, dass in meiner zukünftigen Arbeit nicht in erster Linie die Kunst in die Gemeinschaft und das Kollektive einfließen wird, sondern das kollektive und gemeinschaftliche in meine Arbeitsweise beim Kunst erschaffen.

Das Beobachten und Auswerten der besuchten Communities und ihr Umgang mit den Locals hat sehr klar geschärft, wie wir selbst das zukünftig handhaben wollen — und vor allem auch, wie nicht.

Außerdem sind wir vielen Reisenden begegnet, die immer und immer wieder gesagt haben, was ihr sucht, findet ihr in Mexiko. In Chiapas oder Oaxaca. Frank war skeptisch. Ich dachte, warum nicht, das grenzt ja direkt an Guatemala, was haben wir schon zu verlieren? Und allesamt haben uns versichert, dass es dort nicht gefährlich ist, die Leute sehr nett sind und was über Mexiko gesagt und geschrieben wird, sich nicht auf diese Regionen bezieht. Nach knapp 7 Wochen Guatemala sind wir also nicht wie geplant nach Panama gereist — davon wurde uns von vielen Reisenden eher abgeraten; unspektakulär, langweilig  — sondern nach Mexiko. Nach knapp zwei Monaten dort haben wir die Gemeinschaft Inla Kesh und dadurch die Gegend um Nuevo Paraiso kennengelernt. Eine Gegend die alle von uns gefilterten Kriterien erfüllt: klimatisch, sicher, ein Überfluss an Trinkwasser und wunderschön. Einen Monat später haben wir Las Naranjas angeschaut — ein 82 Hektar großes Flusstal, mit 2 km Fluss durch das Land, 2 Trinkwasserbächen, Dschungel, ebenes Land für Häuser und fruchtbarem Boden.

Wieder einen Monat später, nachdem wir noch andere Regionen bereist hatten, haben wir uns um den Kauf bemüht. Ich wollte vorher unbedingt noch andere Grundstücke sehen, weil es sich für mich komisch angefühlt hätte, nur ein einziges Stück Land angeschaut zu haben und das gleich zu kaufen. Frank hat sehr intensiv Klimazonen ausgecheckt. Dadurch wurde sehr viel ausgesiebt im trockenen, oft wüstenartigen Mexiko. Für ihn waren viele Gegeneden zu heiß, andere für mich zu kalt und — da ist Mexiko dann doch auch Mexiko — es waren prinzipiell gut geeignet Regionen zu gefährlich. In Vera Cruz gibt es eine klimatisch perfekte Gegend, die von Drogenbaronen beherrscht wird. Da will man sich dann doch nicht unbedingt einnisten.

Viel Zeit und Mühe wurde also in Information für eine Entscheidungsgrundlage gesteckt.

Andere Optionen sollten eine Vergleichbarkeit schaffen.

Und dann war es auf einmal einfach. Verschlungene Wege und der Zufall haben uns letztendlich zugespielt und dazu geführt, dass wir entschieden waren und es noch sind. Wir wollen Las Naranjas in Mexiko kaufen. Doch diese Entscheidung soll uns noch viele Male auf die Probe stellen.

Inzwischen ist es nun schon ein ganzes Jahr, in dem wir uns bemühen, das Land legal und abgesichert zu kaufen. Der Prozess geht mit vielen Höhen und Tiefen einher. Er verlangte schon sehr viel Geduld und hat uns Lehrgeld gekostet. Wir haben Korruption und die Duldung dieser erfahren und auch die Machtlosigkeit diesbezüglich gespürt.

Und wir haben von Las Naranjas auch schon Abschied genommen und uns nach einer weiteren Suchphase erneut für dieses herrliche Stück Land entschieden. Trotz der damit einhergehenden Widerstände, die vor allem bürokratischer Art sind, was beim Kauf von Land in Mexiko jedoch auch nichts außergewöhnliches, in unsere Fall jedoch aus mehreren unterschiedlichen Gründen besonders verschärft ist.

Jedoch die Art der Menschen, die Projekte, die wir besucht haben, die Freundschaften die wir sehr schnell geschlossen haben und für mich auch die einfache und sympathische Vernetzung mit der professionellen Tanzszene haben dazu geführt, dass schon sehr schnell klar war, Mexiko soll es sein, ob wir Las Naranjas nun bekommen oder nicht.

Für mich fühlt es sich eher so an, dass Mexiko uns gefunden, ja, sich vielleicht sogar für uns entschieden hat und gar nicht umgekehrt.

Und so sind wir, trotz Unsicherheit, ob wir Las Naranjas bekommen werden, nach Deutschland zurück, um dort unsere Dauervisum für Mexiko zu beantragen, die nicht mehr benötigten Sachen vollends aufzulösen und sind mit dem dann noch verbliebenen Hab und Gut von 5 Kisten, drei Koffern und einem Fahrrad im letzten noch möglichen Moment nach Mexiko rein gewitscht. Es war inzwischen März 2020, Corona hat viele Grenzen geschlossen und Flüge gestrichen. Wir mussten sehr schnell eine Entscheidung treffen. Halt nein, das stimmt nicht. Wir mussten einfach nur sehr schnell handeln. Wir hätten uns lieber etwas gemütlicher und behutsamer von Familie und Freunden verabschiedet. Doch war die Situation, also stünden wir zwar vor der richtigen Tür, diese jedoch war im Begriff sich zu schließen. Wir waren in Deutschland und sind im letzten Moment noch durch den Spalt gehuscht. Und das war eben tatsächlich keine Frage von entscheiden. Ob mit oder ohne Corona – Mexiko ist eindeutig unser neues Zuhause. Wann diese Entscheidung geschehen ist? Irgendwann zwischen den herzlichen Gesprächen mit unseren mexikanischen Freunden und den lustigen Badeerlebnissen im Fluss auf Las Naranjas.

 

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Stille, Nacht heilige Nacht ….  Hat die Welt ein Recht auf Stille?

Heute hören wir aus der 24/7 Symphony – aus der Reihe Guatemaltekische Konzerte-  den 2. Satz: Flores, das Intermezzo und dann den 1. Satz: San Marcos.

Guatemaltekische Konzerte – 2. Satz: Flores

Tagsüber das Übliche: Verkehr, Handygedudel, Verkehr, Radiogedudel, Verkehr, Musikgedudel, Verkehr, Geplapper, Gehupe, Lieferungen, kaputte Auspuffe, Busse knattern und ihre Schreier verkünden das Ziel, Straßenverkäufer. In stillen Momenten hört man das Rauschen einer Klimaanlage, doch diese Momente sind rar.

Vor meinem Hotel ist offensichtlich eine gute Stelle, um noch mal Gas zu geben, Schalten kann man außerhalb meiner Hörweite wieder.

18.00 Uhr: schwarz-blauschimmernde elegante Vögel versammeln sich wie jeden Abend auf der Palme schräg gegenüber. Keine Ahnung, ob sie debattieren oder zur rituellen Sext anstimmen. Auf alle Fälle übertönen sie die Motorengeräusche.

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Danach setzen die Bars ein, die sich mit unterschiedlichen Musikprogrammen versuchen zu übertönen. Besonders interessant wird es, wenn gleiche Lautstärken eine Quodlibet-Kakophonie komponieren.

Geplapper, Gekicher und Smalltalk-Ruferei flaniert zusammen mit den Touristen über die Straßen.

Dann setzt die Musik eine Weile aus, um dann noch gnadenloser mit aufs Maximum übersteuerten Bässe für den mitternächtlichen Höhepunkt zurückzukehren.

Aufräumstimmung: die Musik ist aus; lauthals wird gelacht, geredet, geschimpft.

Einer probiert sein sehr lautes Alarmsystem (am Tuk Tuk?) aus.

Motorengeräusche, es wird eingeladen. Es Poltert und scheppert.   

Getunte Motorbikes machen noch mal klar, was für ein toller Hengst ihr Besitzer ist.

Dann kehrt das ein, was man hier am Ort als die maximal Stille bezeichnen kann: man hört die Nachtvögel wieder laut krakeelen und der Verkehrslärm reduziert sich auf eine wesentlich kleinere Frequenz. Das laute Stimmengewirr entzerrt sich zu nachvollziehbaren Dialogen… wenn man spanisch könnte. Rascheln und klirren lässt auf Straßenreinigung schließen.

Ich schlafe und verpasse vermutlich das, was Flores an Stille zu bieten hat.

Es poltert, mein Bett wackelt, die Badtür quietscht, die Dusche geht an. Das Wasser rauscht ca. eine halbe Stunde mit nur kurzen Unterbrechungen. Diese sind deutlich hörbar, da die Hähne unangenehm quietschen beim Auf – und Zudrehen. What the f…. Es ist 3.30 mitten in der Nacht. Die Badtür quietscht.

Die Metallleiter scheppert gegen das Metallbett, es poltert wieder, die anderen beiden in meinem Zimmer stehen auch auf. Es ist 4.00 Uhr früh. Das Licht geht an, Schranktüren schlagen, Reisverschlüsse surren, Plastiktüten rascheln, Türenquietschen, Hahngequietsche. Die Zimmertür knallt zu. Draußen wird weitergeraschelt und gepoltert. Tür auf, Tür zu, auf, zu, auf, zu. … Ist es Still? … Der Schlüssel kratzt im Schloss, das Drehschloss ruckelt im Holz und ruckelt und ruckelt. Ich steh auf und öffne die Tür und lege mich gleich wieder ins Bett. Der Schlüssel wird herausgezogen, die Tür knallt zu. Der Rollkoffer rattert über den Fliesenboden.

Aus der Ferne „You go to Tikal?“.

Ich nehme anschließend das, was man hier so als Stille kriegen kann und versuche wieder einzuschlafen.

Der wohl beste Moment war, wo außer dem Surren der Klimaanlage im Nachbarzimmer nur noch ein undefinierbares Getrappel zu vernehmen ist. Es klingt, als würde ein kleines Kind einige Schritte rennen und wieder umkehren im Raum über mir. Aber da ist kein Raum über mir und auch kein Kind im Hostel. Gespickt war das mit über den Boden Rutschenden Stühlen von unten, vereinzelten Autogeräuschen. Und ja, es gibt auch ein paar Vögel. 

Ich wache auf, die Vögel wurden von ihren tagaktiven Kollegen abgelöst. Die Tuktukfrequenz steigt an. Das Motorbikegeknatter nimmt wieder zu.

Es ist 6.45 Uhr, ich bin sowas ähnliches wie wach und sitze auf dem Balkon. Das Motorenkonzert vermischt sich nun mit Frühstücksgeschirrgeklapper und den Rufen des Straßenverkäufers: Aguacate, Papaya, Mandarinas. 

Die Laster kommen wieder angepoltert. Durch das Schlagloch direkt vorm Hotel, kann man darüber spekulieren, wie schwer seine Ladung wohl ist. Ein Fernseher läuft. Die Putzcrew vom Hostel trägt das Handy mit Lieblingsmusik auf voller Lautstärke spazieren.

Das Telefon dudelt übersteuert und in regelmäßigen Abständen.

Guten Morgen, Flores.

Ich frage mich, ob man die leichten Wellen des Sees, der nur wenige Meter entfernt ist, hier oben im Hotel hören könnte. Und ob die Palme neben an eigentlich im Wind raschelt.  

INTERMEZZO 

Am Anfang in meiner Berliner Wohnung, habe ich einen harten Kampf mit unserer Hausmeisterin dort gefochten, die direkt über mir wohnte. Telefonieren bei offenem Fenster – ich krieg sofort auf die Mütze. Ein leiser Chat mit den Nachbarn auf dem Hof nach der Rückkehr vom Theater – boing.

Als mein Nachbar eine leere Flasche in die Glasmülltonne legt und man sich das  „klonk“ fast schon denken muss, so leise ist es, geht das Fenster auf und sie ruft: „He, es ist Sonntag!“.

Zu einem späteren Zeitpunkt – inzwischen sind wir Freunde geworden – da vertraut sie mir dann an, dass sie am Anfang, wenn die neuen Leute einziehen besonders streng ist. „Damit sie wissen, wie hier der Hase läuft!“ sagt sie. Nur gegen die alleinwohnende lesbische Transe??, die aufgrund ihrer Multiplen Sklerose- Erkrankung und ihres bereits angegriffenen Gehirns immer wenn sie keinen Besuch hat ausdauernd lauthals vor sich hin schimpft, kann sie nicht einschreiten. Fast eine Oase der Ruhe mitten im Berliner Wedding!

Und jetzt vermisse ich, dass sie hier in Lateinamerika mal für Ruhe und Ordnung sorgt!!

Ich habe meiner Freundin Bilder vom Atitlansee geschickt. Bei einem Telefonat erzählt sie mir, dass sie sich dort alles still vorgestellt hat. So sieht es auch aus. Die Berge, die majestätisch um den See gereiht ruhig in die Ferne blicken. Was sollte es auch für einen Grund geben, laut zu werden. Die sind so groß, dass selbst eine größere Stadt aussieht, als hätte man spaßeshalber eine Modelleisenbahn-Siedlung in den Berg gesetzt.

Und ich kann mir gut vorstellen, dass Antoine de Saint Exupéry, als er damals vom See inspiriert wurde den kleinen Prinzen zu schreiben, noch eine andere Geräuschkulisse vorgefunden hat. Zumindest gibt es keinen Lärmplaneten in seinem Buch. Aber der Vulkan Fuego und die Bergketten sind zu seinen Planeten geworden. Und die Schlange, die den Elefanten verspeist hat, der vermeintlich etwas schief geratene Hut, ruht hier in Form eines Berges.

Doch auch an diesem See ist es einfach nur laut. Die Soundkulisse scheint mir nicht mehr geeignet, um die Inspiration für ein so magisches Buch wie „Der kleine Prinz“ zu empfangen. Was ist da los am Atitlansee?

Guatemaltekische Konzerte – 1. Satz: San Marcos

Dieses mal war ich nicht so verkehrsgünstig gelegen, wie in Flores, direkt am Zugang zur Brücke von der Halbinsel zur Haupthandelsstadt San Benito. Vielmehr mussten man, um hier hin zu gelangen, 5 Minuten  mit dem Tuk Tuk einen so steilen Berg hochfahren, dass man schon Angst haben musste, hinten raus zu kippen und dann geht es noch mal 10 Minuten zu Fuß quer Berg ein. 

Doch da San Marcos, das Örtchen über dem wir da oben thronten, ein Mekka für ernährungsbewusste Ecstatic-Dance-Freaks ist, die morgens Yoga praktizieren und Abends Pilze konsumieren, ist es kurz gesagt auch nur Partytown – nur dass sich die Partypeople dort für alternativ und darum für etwas Besseres halten.

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Und somit mischt sich der Partylärm mit der Leidenschaft der Locals, auf ihren Geburtstag laut einen zu lassen und der grundlegenden Unkenntnis darüber, dass es so etwas wie Ruhezeiten geben könnte oder gar etwas, das „Stille“ heißt, existiert.

Einmal sind wir alle inmitten der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden. Zuerst gab es eine Kracherei, dass man, wäre man ein Kriegskind gewesen und diese Böllerei immerzu nicht fast schon gewohnt gewesen, vermutlich einen Herzstillstand bekommen hätte. So musste ich mich nur kurz orientieren, um zu verstehen was los ist. Es war 4.30 in der Früh. Und der ausgiebigen Knallerei folgten diverse Versionen von „Happy birthday to you“ auf spanisch. Ein musikalisches Highlight: Happy birthday im Viervierteltakt. SWR 4 anmutende, am Phrasenende glissandierende Interpretationen reihen sich an spanische Kinderchor- und Discobeat-Versionen. Das ein oder andere noch mal wiederholt, bevor man zum guatemaltekischen Schlager übergeht, der leider nicht anders ist, als der Deutsche. Eine Stunde lang Dauerbeschallung vom Berg.

Ich erzähle mir Geschichten, um mir nicht die Laune verderben zu lassen. Zum Beispiel, was für ein tolles Geschenk das Geburtstagskind von seinen Freunden bekommen hat: eine Überraschungsparty noch vor seinem frühen Arbeitsbeginn. 

In Deutschland wäre die Polizei sofort auf der Matte gestanden und bei mir in Berlin unsere Hausmeisterin :-). Hier hat sie vermutlich mitgefeiert – also die Polizei, nicht die Hausmeisterin.

Zum Schluss hat man noch mal so richtig losgeböllert und dann wurden meine Ohren wieder mir selbst überlassen. Wie sie da dran sitzen und fast bluten, die Ohren, an meinem nicht mehr zum Schlaf fähigen Körper….

Ruhe ist Kultursache 

zumindest Ansichtssache.

Und totale Stille 

gibt es gar nicht.

Von der Natur nicht vorgesehen;

von der Menschheit weit übertrumpft. 

Und dass man inzwischen auch noch visuell nicht nur an-, sondern regelrecht zusammen gebrüllt wird, ist noch mal eine ganz andere Geschichte … .

Wenn Arbeit keine Arbeit ist

Hier in Guatemala sieht man Kinder, schon in sehr jungem Alter, arbeiten. Z. B. haben wir neulich in einem Gemüseladen eingekauft, da war ein Mädchen, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, ein Junge, vielleicht 5 oder 6 und ein noch kleinerer Junge. Diese 3 haben sozusagen den Laden geschmissen. Der Junge hat gedealt: nimm doch 2 Bananen für den Preis von 5 Q. Und das Mädchen hat danach gewissenhaft einzeln die Preise genannt, für uns nachvollziehbar laut addiert und in unseren Rucksack gesteckt. Es waren 39 Q. Worauf sie sagte, nimm noch eine Banane und gib mir 40 Q.

Was sind Deine Gedanken dazu?
Vielleicht sowas wie: das sind Kinder, die sollten spielen, nicht im Gemüseladen arbeiten? Oder: mit Kindern mache ich keine Geschäfte? Oder auch: Kinderarbeit unterstütze ich nicht, ich hätte einen anderen Laden aufgesucht? Oder, oder, oder, … Ich denke man kann in diesem Fall viele verschiedene Gedanken haben, besonders wenn man die deutschen Gesetze für die sog. „heile Kinderwelt“ heranzieht. Ich persönlich habe dazu noch keine abschließende Meinung, aber versucht, das Ganze mal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und ein paar Fragen aufzuwerfen.
Denn zugegebenermaßen hat sich in mein Kopf z. B. der Gedanke geschlichen „Krass, die überlassen 3 sehr jungen Kindern den Laden, sind die dieser Verantwortung gewachsen?“ Und – man kommt nicht umhin viele Kinder hier arbeiten zu sehen – ich habe mich gefragt, ob das Aushelfen und Business machen das Kinderprivileg  der Unbeschwertheit zerstört.
Unicef hat hierfür Kriterien festgelegt, die zeigen, wann Kinderarbeit als schädliche Ausbeutung bezeichnet werden muss. Dies ist der Fall, wenn
  • die Kinder vollbeschäftigt werden,
  • sie zu viel Verantwortung tragen, unter langen Arbeitszeiten und schlechter Bezahlung leiden,
  • die Arbeit langweilig und monoton ist,
  • das Arbeitsumfeld gefährlich ist, zum Beispiel unter Tage oder auf der Straße,
  • die Arbeit sie körperlich oder seelisch zu stark belastet,
  • keine Zeit und Kraft mehr für die Schule und zum Lernen bleiben.
Und ich komme nicht umhin, auch die andere Seite zu erzählen, die ich hier sehe, Nämlich Kinder, die mit ihrem Bauchladen umher wandern und den Touristen verzweifelt versuchen Handarbeiten, Nüsse oder Bananenbrot aufzuquatschen. Sie traben Berge treppauf und treppab. Spielen ihren Kindermitleidsbonus aus setzen auf ihre Überredungskünste. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann vielleicht beim 2. oder 3. Anlauf. Und das nervt beide Seiten!! Das ist monoton, ausbeuterisch und hält die Kinder vom Lernen ab.

Was ist Arbeit?
Und damit bin ich bei einem Thema gelandet, dass mich seit einiger Zeit sehr beschäftigt. Nämlich die Frage: Was eigentlich ist Arbeit? Dieses Thema interessiert mich, weil ich mich frage, was ich selbst in meinem Leben tun möchte, warum ich etwas tue und ob es an Gegenleistung gekoppelt sein muss. Und es interessiert mich, weil ich viele Menschen nicht darin verstehe, welche Arbeiten und zu welchen Bedingungen sie diese erledigen. Arbeit, wie wir sie im westlichen Sinne verstehen, hat oftmals mit Würdelosigkeit zu tun. Oder wie wir oben lesen können, gibt es gefährliche, monotone, seelisch belastende Arbeiten, die zwar Kinder nicht erledigen sollen, Erwachsene jedoch schon. Man kann an dieser Stelle nun argumentieren, dass die Erwachsenen erwachsen sind und selbst darüber entscheiden können, ob sie etwas tun oder aus nachvollziehbaren Gründen eben nicht. Meine Beobachtung jedoch ist eine andere: die Menschen erledigen sie in erster Linie, um sich in das bestehenden System integrieren zu können und leider oftmals  auch aus Angst, Zwang oder aus Alternativlosigkeit heraus. Die große Mehrheit der Menschen hängt vom Weiterfunktionieren des Systems völlig ab, da sie keine andere Existenzoption haben. Nur in wenigen glücklichen Fällen, kommt die Passion mit stressfreier Erwerbstätigkeit zusammen.
Wikipedia unterscheidet zwischen bezahlter Erwerbstätigkeit und unentgeltlicher Arbeit. Unentgeltliche Arbeit kann neben Sklavenarbeit, Hausarbeit oder Ehrenamt in „Reproduktionsarbeit“, die der Erschaffung und dem Erhalt der Gesellschaft dient, sowie in „Subsistenzarbeit“ unterschieden werden, die der Mensch verrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu produzieren und so sein Überleben zu sichern“.
Doch die meisten widmen sich der bezahlten „Erwerbstätigkeit, der Tätigkeit, mit welcher der menschliche Lebensunterhalt bestritten werden kann“. Man bekommt dafür Geld, also ein abstraktes Tauschmittel, um den wohlgemerkt „menschlichen“ Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Nur mal so am Rande: kein anderes Lebewesen auf der Erde, arbeitet, um eine Ersatzwährung zu erhalten, mit der es seinen Lebenserhalt sichert. Aber es geht hier ja auch nicht mehr um Erhalt, sondern Unterhalt …. .
Doch was genau ist der menschliche Lebensunterhalt? Dass ich habe, was ich brauche zum Leben, also Trinkwasser, einen warmen, trockenen Ort zum Leben, etwas zu Essen, sozialen und liebevollen Zusammenhalt? Oder ist es Lebenserhalt plus Konsum oder gar Luxus?

Gier und Unvernunft steuern den Umgang mit lebenserhaltenden Ressourcen
Die klaren Aspekte für den Erhalt unserer Lebens auf der Erde nur noch abstrakt in monetärem Ausgleich zu denken ist nachweislich nicht zielführend. Es führt zu immer mehr ansteigender Ungerechtigkeit.
Vielmehr sollten wir uns überlegen, ob freier und auch selbstbestimmt Zugang zu diesen Ressourcen nicht ein Grundrecht auf der ganzen Welt sein muss. Doch viele Länder erschweren, verunmöglichen oder verbieten gar die Möglichkeit auf ein selbstgestaltetes, unabhängiges Leben. … zu Gunsten der Gier von Menschen, die von sich selbst und von der Welt entfremdeten sind. Scheinbegünstigte – in meinen Augen Opfer – des sich unweigerlich selbstzerstörenden Systems der „Megamaschine“ (Begriff des Historikers Lewis Mumford; 1895-1990 und aufgegriffen von Fabian Scheidler, in seinem sehr empfehlenswerten und aufschlussreichen Buch: Das Ende der Megamaschine). So darf beispielsweise uneingeschränkt und fröhlich Glyphosat auf all unseren Äckern aufgebracht werden, während die Lebensgemeinschaft ZEGG nach 25 Jahren nicht mehr die natürlichen Feststoffe ihres Abwassers  auf ihren eigenen Obstwiesen ausstreuen darf.
Und zu Ungunsten der Ressourcen der Welt, die von uns Menschen angemessen, also nachhaltig genutzt werden sollten und deren Recht auf Nutzung allen Menschen gleichermaßen zustehen sollte.
So darf, wir wissen es alle, Nestlé und Coca Cola Wasser privatisieren und teuer verkaufen. Mit der Begründung, dass sie ja auch die Leistung der Reinigung erbringen … okay, nachdem sie es mit ihrer Chemie untrinkbar gemacht haben. Und schon müssen Menschen im oben definierten Sinne arbeiten, um ihr Überleben, zu neudeutsch „Unterhalt“ zu sichern.
Unvernünftige Überregulation und Zerstörungen der Umwelt verhindern, dass wir von Sonne, fruchtbarer Erde und sauberem Wasser unser Leben gestalten können, wie wir es für uns selbst und unsere Lieben wünschen.
Viel mehr leben wir in einer Gesellschaftsordnung, in der Inhabern von Eigentumsrechten an Existenzgrundlagen anderer Menschen dadurch Einkommen zufließt.
Doch zurück zu den Dreien im Gemüseladen.
Ist das jetzt Arbeit, im Sinne des Bestreitens von menschlichem Lebensunterhalt? Ist es verwerflich, dass die Kinder hier nicht ihre Kindheit frei und unbeschwert genießen können? Oder – um einmal eine ganz andere Perspektive einzunehmen – ist es Lernen mit Wirklichkeitsbezug, Freude und Erfahren von Selbstwert durch entgegengebrachtes Vertrauen und Verantwortung?
Die Frage, die sich mir aufdrängt: Sind sie tatsächlich weniger unbeschwert als die Kinder in Deutschland? Kinder und Jugendliche, die einem immer massiver werdenden Leistungsdruck in der Schule und der Gesellschaft ausgesetzt sind? Zumindest sehe ich, dass die Kinder hier Wertschätzung erfahren, wie beispielsweise, das kleine Mädchen von ihrem Vater, welches uns die heißen Temales (Maisschnitte mit verschiedenen Toppings im Bananenblatt) reicht und schon sehr geschäftig und gewissenhaft dieser Aufgabe nachgeht. In ihrem Ausdruck habe ich ehrlich gesagt nichts anders gesehen, als bei meiner kleinen Nichte, wenn sie mir an Weihnachten im Kaufladen verschiedene Sachen aus den Regalen sucht.

Arbeit – per Definition Mühsal und Sklaverei
Ich ziehe erneut Wikipedia hinzu, denn was man über den „Begriff der Arbeit“ dort liest ist schaurig und wirft die Frage auf, weshalb man überhaupt noch Arbeiten wollen wöllte: „Das Wort „Arbeit“ ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbējiðiz, got. arbaiþs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- „verwaist“, Waise, „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota („Knechtschaft“, „Sklaverei“, vgl. Roboter). Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort „travail“ leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab. Das italienische „lavoro“ und englische „labour“ (amerikanisch „labor“) gehen auf das lateinische „labor“ zurück, das ebenfalls primär „Mühe“ bedeutet.“
AHHHHRGRRRR :-O
Gruselig, nicht wahr? Und doch steckt darin sehr viel Wahrheit, denn wenn man Menschen in Lohn und Brot befragt, warum sie ihre Arbeit tun, dann kommt meistens eine Antwort dieser Art heraus. „Ich leiste etwas für jemanden, um im Gegenzug von ihm X zu bekommen“. In der Regel ist X unser Lebensunterhalt in Form von Geld.
Erinnern wir uns noch mal an die Kriterien von Unicef. Vieles, was dort als unzumutbar für die Kinder eingestuft wird, ist in den Arbeiten, die Erwachsene erledigen, mehr die Regel, als die Ausnahme.

Kommt es nicht letztendlich darauf an, ob man die Tätigkeiten freiwillig tut?
Für Dr. Götz Werner ist „Arbeit für andere etwas zu leisten.“ Der Gemeinschaft, also z. B. der Familie, dem Ort, in dem man lebt, eine Gruppe, der man sich verbunden fühlt und Menschen, denen gegenüber man Empathie hat. Also menschliche Gründe, etwas leisten zu wollen. Die Gründe können sehr verschieden sein. Z. B. Zuneigung, Sympathie, Liebe, aber auch eine erkennbare empfundenen Notwendigkeit.
Ist etwas freiwillig zu tun, also aus eigenem Willen, am besten intrinsisch motiviert, dann per Definition überhaupt Arbeit?
Wie viel schöner ist es, wenn es bei der Erledigung von Aufgaben darum geht, wie viel eigene Verantwortung man darin übernehmen kann, ob man diese mit Freude tut, ob man der Aufgabe gewachsen ist, ob die Zeit, die man dafür hat, angemessen ist, welchen Sinn und Wert das Ergebnis hat und ob man dafür entsprechend Rückmeldung erhält, jenseits von monetärer Bewertung.
Wenn man Arbeit als etwas sinnvolles, dem Leben dienendes definiert, was ist dann das andere?
Oder kann man „Arbeit“ einfach getrost abschaffen und nur das andere tun? Es einfach tun, weil es wert ist, getan zu werden.

 

Der künstlerische Geist als lebensdienliches Element

Aktuell gilt Kunst oft als Zeitvertreib, den man sich gelegentlich gönnen kann. 

Eine Liebhaberei, der man frönen kann, wenn Kapazitäten, Ressourcen oder Gelder frei sind oder viel mehr frei gemacht werden wollen und es die politischen, gesellschaftlichen Umstände erlauben bzw. erlauben wollen. Sie trägt nicht wissenschaftlich nachweisbar konstruktiv zu dem bei, was ein menschliches Überleben sichert.

Wieso also bekommt die Kunst in unserem Projekt einen so großen Fokus?  Ein Projekt, das sich dem selbstversorgenden, nachhaltigen Leben widmet? Inwiefern kann die Kunst dazu beitragen? Bei meiner Antwort gehe ich sogar noch einen Schritt weiter mit der Arbeitshypothese, dass Kunst nicht nur dazu beizutragen in der Lage ist, sondern eine grundlegende Basis bietet, um ein selbstversorgendes Leben in Einklang mit Mensch, Tier, Natur auf respektvolle und konstruktive Weise möglich zu machen.

Ich bin überzeugt, dass Kreativität, Spielmodus, Forschergeist, Fragemodus, Wagnisbereitschaft und der Mut, unkonventionelle Wege zu beschreiten unabdingbar für die Neugestaltung eines zeitgemäßen und nachhaltigen Lebens sind. Die Energie, die in solchen Phasen frei wird, prägt wiederum die Stimmung an diesem Ort und das zwischenmenschliche Miteinander auf die Weise, dass eine Gemeinschaft entsteht, in der Neugier, Offenheit, Respekt und Kooperation selbstverständlich sind. Das wiederum integriert auf wertfreie und liebevolle Art auch das Scheitern, die Akzeptanz von Fehlbarkeit und umarmt Attribute, die derzeit gesellschaftlich als negativ verstanden und nicht toleriert werden, sei es Wut, Angst, Schwäche, Unwissenheit, Unsicherheit oder viele andere mehr.

Und eben damit bietet das Wesen der Kunst bzw. das, was dem künstlerischen Geist innewohnt eine wunderbar sinnliche Möglichkeit, das Leben in seiner Gänze und Integration all seiner Teilaspekte wertzuschätzen und persönliches Wachstum zu ermöglichen. 

Viele dieser Teilaspekte des Lebens spielen eine große Rolle in unseren Strategien für ein nachhaltiges und harmonisches Zusammenleben und bedingen sich gegenseitig. So fließen bspw. Prinzipien der Permakultur sowie kollektive Kommunikationsstrategien in die Kunstentwicklung ein. Das sich Mitteilen kann künstlerisch geprägt sein. Bewusstes Wahrnehmen vom Körper und kreatives Bewegen bringt geistige und emotionale Kräfte in Fluss. Empathie begleitet die Aufteilung von notwendigen Tätigkeiten, denn das Wort „Arbeit“ definieren wir sowieso auf eine ganz andere Weise.

Diese Arbeitshypothese gilt es nun im aktiven Experiment zu erforschen. Dafür möchten wir jedoch bestimmte Gegebenheiten, die in Deutschland nicht vorzufinden waren, sei es ein ganzjährig fruchtbares Klima oder die Befreiung aus Strukturen, die wir als destruktiv dem Leben gegenüber erachten. Darum haben wir uns entschieden, unser Projekt in Süd- oder Lateinamerika aufzuziehen.

Am 10. November wagen wir den Absprung in ein neues Leben. 

Mit unserem Flug nach Guatemala machen wir uns auf in das erste von fünf  Ländern (die weiteren sind Panama, Costa Rica, Ecuador und Peru), wo wir unseren Ort zur Realisierung unserer Vorstellung von einem Leben mit mehr Freiraum vermuten für das, was uns am Herzen liegt, nämlich das Zwischenmenschliche, das Künstlerische und das Leben selbst.

Dafür wünschen wir uns ein paar Hektar fruchtbares Land, eine eigene Wasserquelle, eine solarbetriebene Stromversorgung und ein Umfeld mit gleichgesinnten Menschen, um uns in ein sich gegenseitig unterstützendes Netzwerk integrieren zu können.