Stille, Nacht heilige Nacht ….  Hat die Welt ein Recht auf Stille?

Heute hören wir aus der 24/7 Symphony – aus der Reihe Guatemaltekische Konzerte-  den 2. Satz: Flores, das Intermezzo und dann den 1. Satz: San Marcos.

Guatemaltekische Konzerte – 2. Satz: Flores

Tagsüber das Übliche: Verkehr, Handygedudel, Verkehr, Radiogedudel, Verkehr, Musikgedudel, Verkehr, Geplapper, Gehupe, Lieferungen, kaputte Auspuffe, Busse knattern und ihre Schreier verkünden das Ziel, Straßenverkäufer. In stillen Momenten hört man das Rauschen einer Klimaanlage, doch diese Momente sind rar.

Vor meinem Hotel ist offensichtlich eine gute Stelle, um noch mal Gas zu geben, Schalten kann man außerhalb meiner Hörweite wieder.

18.00 Uhr: schwarz-blauschimmernde elegante Vögel versammeln sich wie jeden Abend auf der Palme schräg gegenüber. Keine Ahnung, ob sie debattieren oder zur rituellen Sext anstimmen. Auf alle Fälle übertönen sie die Motorengeräusche.

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Danach setzen die Bars ein, die sich mit unterschiedlichen Musikprogrammen versuchen zu übertönen. Besonders interessant wird es, wenn gleiche Lautstärken eine Quodlibet-Kakophonie komponieren.

Geplapper, Gekicher und Smalltalk-Ruferei flaniert zusammen mit den Touristen über die Straßen.

Dann setzt die Musik eine Weile aus, um dann noch gnadenloser mit aufs Maximum übersteuerten Bässe für den mitternächtlichen Höhepunkt zurückzukehren.

Aufräumstimmung: die Musik ist aus; lauthals wird gelacht, geredet, geschimpft.

Einer probiert sein sehr lautes Alarmsystem (am Tuk Tuk?) aus.

Motorengeräusche, es wird eingeladen. Es Poltert und scheppert.   

Getunte Motorbikes machen noch mal klar, was für ein toller Hengst ihr Besitzer ist.

Dann kehrt das ein, was man hier am Ort als die maximal Stille bezeichnen kann: man hört die Nachtvögel wieder laut krakeelen und der Verkehrslärm reduziert sich auf eine wesentlich kleinere Frequenz. Das laute Stimmengewirr entzerrt sich zu nachvollziehbaren Dialogen… wenn man spanisch könnte. Rascheln und klirren lässt auf Straßenreinigung schließen.

Ich schlafe und verpasse vermutlich das, was Flores an Stille zu bieten hat.

Es poltert, mein Bett wackelt, die Badtür quietscht, die Dusche geht an. Das Wasser rauscht ca. eine halbe Stunde mit nur kurzen Unterbrechungen. Diese sind deutlich hörbar, da die Hähne unangenehm quietschen beim Auf – und Zudrehen. What the f…. Es ist 3.30 mitten in der Nacht. Die Badtür quietscht.

Die Metallleiter scheppert gegen das Metallbett, es poltert wieder, die anderen beiden in meinem Zimmer stehen auch auf. Es ist 4.00 Uhr früh. Das Licht geht an, Schranktüren schlagen, Reisverschlüsse surren, Plastiktüten rascheln, Türenquietschen, Hahngequietsche. Die Zimmertür knallt zu. Draußen wird weitergeraschelt und gepoltert. Tür auf, Tür zu, auf, zu, auf, zu. … Ist es Still? … Der Schlüssel kratzt im Schloss, das Drehschloss ruckelt im Holz und ruckelt und ruckelt. Ich steh auf und öffne die Tür und lege mich gleich wieder ins Bett. Der Schlüssel wird herausgezogen, die Tür knallt zu. Der Rollkoffer rattert über den Fliesenboden.

Aus der Ferne „You go to Tikal?“.

Ich nehme anschließend das, was man hier so als Stille kriegen kann und versuche wieder einzuschlafen.

Der wohl beste Moment war, wo außer dem Surren der Klimaanlage im Nachbarzimmer nur noch ein undefinierbares Getrappel zu vernehmen ist. Es klingt, als würde ein kleines Kind einige Schritte rennen und wieder umkehren im Raum über mir. Aber da ist kein Raum über mir und auch kein Kind im Hostel. Gespickt war das mit über den Boden Rutschenden Stühlen von unten, vereinzelten Autogeräuschen. Und ja, es gibt auch ein paar Vögel. 

Ich wache auf, die Vögel wurden von ihren tagaktiven Kollegen abgelöst. Die Tuktukfrequenz steigt an. Das Motorbikegeknatter nimmt wieder zu.

Es ist 6.45 Uhr, ich bin sowas ähnliches wie wach und sitze auf dem Balkon. Das Motorenkonzert vermischt sich nun mit Frühstücksgeschirrgeklapper und den Rufen des Straßenverkäufers: Aguacate, Papaya, Mandarinas. 

Die Laster kommen wieder angepoltert. Durch das Schlagloch direkt vorm Hotel, kann man darüber spekulieren, wie schwer seine Ladung wohl ist. Ein Fernseher läuft. Die Putzcrew vom Hostel trägt das Handy mit Lieblingsmusik auf voller Lautstärke spazieren.

Das Telefon dudelt übersteuert und in regelmäßigen Abständen.

Guten Morgen, Flores.

Ich frage mich, ob man die leichten Wellen des Sees, der nur wenige Meter entfernt ist, hier oben im Hotel hören könnte. Und ob die Palme neben an eigentlich im Wind raschelt.  

INTERMEZZO 

Am Anfang in meiner Berliner Wohnung, habe ich einen harten Kampf mit unserer Hausmeisterin dort gefochten, die direkt über mir wohnte. Telefonieren bei offenem Fenster – ich krieg sofort auf die Mütze. Ein leiser Chat mit den Nachbarn auf dem Hof nach der Rückkehr vom Theater – boing.

Als mein Nachbar eine leere Flasche in die Glasmülltonne legt und man sich das  „klonk“ fast schon denken muss, so leise ist es, geht das Fenster auf und sie ruft: „He, es ist Sonntag!“.

Zu einem späteren Zeitpunkt – inzwischen sind wir Freunde geworden – da vertraut sie mir dann an, dass sie am Anfang, wenn die neuen Leute einziehen besonders streng ist. „Damit sie wissen, wie hier der Hase läuft!“ sagt sie. Nur gegen die alleinwohnende lesbische Transe??, die aufgrund ihrer Multiplen Sklerose- Erkrankung und ihres bereits angegriffenen Gehirns immer wenn sie keinen Besuch hat ausdauernd lauthals vor sich hin schimpft, kann sie nicht einschreiten. Fast eine Oase der Ruhe mitten im Berliner Wedding!

Und jetzt vermisse ich, dass sie hier in Lateinamerika mal für Ruhe und Ordnung sorgt!!

Ich habe meiner Freundin Bilder vom Atitlansee geschickt. Bei einem Telefonat erzählt sie mir, dass sie sich dort alles still vorgestellt hat. So sieht es auch aus. Die Berge, die majestätisch um den See gereiht ruhig in die Ferne blicken. Was sollte es auch für einen Grund geben, laut zu werden. Die sind so groß, dass selbst eine größere Stadt aussieht, als hätte man spaßeshalber eine Modelleisenbahn-Siedlung in den Berg gesetzt.

Und ich kann mir gut vorstellen, dass Antoine de Saint Exupéry, als er damals vom See inspiriert wurde den kleinen Prinzen zu schreiben, noch eine andere Geräuschkulisse vorgefunden hat. Zumindest gibt es keinen Lärmplaneten in seinem Buch. Aber der Vulkan Fuego und die Bergketten sind zu seinen Planeten geworden. Und die Schlange, die den Elefanten verspeist hat, der vermeintlich etwas schief geratene Hut, ruht hier in Form eines Berges.

Doch auch an diesem See ist es einfach nur laut. Die Soundkulisse scheint mir nicht mehr geeignet, um die Inspiration für ein so magisches Buch wie „Der kleine Prinz“ zu empfangen. Was ist da los am Atitlansee?

Guatemaltekische Konzerte – 1. Satz: San Marcos

Dieses mal war ich nicht so verkehrsgünstig gelegen, wie in Flores, direkt am Zugang zur Brücke von der Halbinsel zur Haupthandelsstadt San Benito. Vielmehr mussten man, um hier hin zu gelangen, 5 Minuten  mit dem Tuk Tuk einen so steilen Berg hochfahren, dass man schon Angst haben musste, hinten raus zu kippen und dann geht es noch mal 10 Minuten zu Fuß quer Berg ein. 

Doch da San Marcos, das Örtchen über dem wir da oben thronten, ein Mekka für ernährungsbewusste Ecstatic-Dance-Freaks ist, die morgens Yoga praktizieren und Abends Pilze konsumieren, ist es kurz gesagt auch nur Partytown – nur dass sich die Partypeople dort für alternativ und darum für etwas Besseres halten.

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Und somit mischt sich der Partylärm mit der Leidenschaft der Locals, auf ihren Geburtstag laut einen zu lassen und der grundlegenden Unkenntnis darüber, dass es so etwas wie Ruhezeiten geben könnte oder gar etwas, das „Stille“ heißt, existiert.

Einmal sind wir alle inmitten der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden. Zuerst gab es eine Kracherei, dass man, wäre man ein Kriegskind gewesen und diese Böllerei immerzu nicht fast schon gewohnt gewesen, vermutlich einen Herzstillstand bekommen hätte. So musste ich mich nur kurz orientieren, um zu verstehen was los ist. Es war 4.30 in der Früh. Und der ausgiebigen Knallerei folgten diverse Versionen von „Happy birthday to you“ auf spanisch. Ein musikalisches Highlight: Happy birthday im Viervierteltakt. SWR 4 anmutende, am Phrasenende glissandierende Interpretationen reihen sich an spanische Kinderchor- und Discobeat-Versionen. Das ein oder andere noch mal wiederholt, bevor man zum guatemaltekischen Schlager übergeht, der leider nicht anders ist, als der Deutsche. Eine Stunde lang Dauerbeschallung vom Berg.

Ich erzähle mir Geschichten, um mir nicht die Laune verderben zu lassen. Zum Beispiel, was für ein tolles Geschenk das Geburtstagskind von seinen Freunden bekommen hat: eine Überraschungsparty noch vor seinem frühen Arbeitsbeginn. 

In Deutschland wäre die Polizei sofort auf der Matte gestanden und bei mir in Berlin unsere Hausmeisterin :-). Hier hat sie vermutlich mitgefeiert – also die Polizei, nicht die Hausmeisterin.

Zum Schluss hat man noch mal so richtig losgeböllert und dann wurden meine Ohren wieder mir selbst überlassen. Wie sie da dran sitzen und fast bluten, die Ohren, an meinem nicht mehr zum Schlaf fähigen Körper….

Ruhe ist Kultursache 

zumindest Ansichtssache.

Und totale Stille 

gibt es gar nicht.

Von der Natur nicht vorgesehen;

von der Menschheit weit übertrumpft. 

Und dass man inzwischen auch noch visuell nicht nur an-, sondern regelrecht zusammen gebrüllt wird, ist noch mal eine ganz andere Geschichte … .

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Wenn Arbeit keine Arbeit ist

Hier in Guatemala sieht man Kinder, schon in sehr jungem Alter, arbeiten. Z. B. haben wir neulich in einem Gemüseladen eingekauft, da war ein Mädchen, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, ein Junge, vielleicht 5 oder 6 und ein noch kleinerer Junge. Diese 3 haben sozusagen den Laden geschmissen. Der Junge hat gedealt: nimm doch 2 Bananen für den Preis von 5 Q. Und das Mädchen hat danach gewissenhaft einzeln die Preise genannt, für uns nachvollziehbar laut addiert und in unseren Rucksack gesteckt. Es waren 39 Q. Worauf sie sagte, nimm noch eine Banane und gib mir 40 Q.

Was sind Deine Gedanken dazu?
Vielleicht sowas wie: das sind Kinder, die sollten spielen, nicht im Gemüseladen arbeiten? Oder: mit Kindern mache ich keine Geschäfte? Oder auch: Kinderarbeit unterstütze ich nicht, ich hätte einen anderen Laden aufgesucht? Oder, oder, oder, … Ich denke man kann in diesem Fall viele verschiedene Gedanken haben, besonders wenn man die deutschen Gesetze für die sog. „heile Kinderwelt“ heranzieht. Ich persönlich habe dazu noch keine abschließende Meinung, aber versucht, das Ganze mal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und ein paar Fragen aufzuwerfen.
Denn zugegebenermaßen hat sich in mein Kopf z. B. der Gedanke geschlichen „Krass, die überlassen 3 sehr jungen Kindern den Laden, sind die dieser Verantwortung gewachsen?“ Und – man kommt nicht umhin viele Kinder hier arbeiten zu sehen – ich habe mich gefragt, ob das Aushelfen und Business machen das Kinderprivileg  der Unbeschwertheit zerstört.
Unicef hat hierfür Kriterien festgelegt, die zeigen, wann Kinderarbeit als schädliche Ausbeutung bezeichnet werden muss. Dies ist der Fall, wenn
  • die Kinder vollbeschäftigt werden,
  • sie zu viel Verantwortung tragen, unter langen Arbeitszeiten und schlechter Bezahlung leiden,
  • die Arbeit langweilig und monoton ist,
  • das Arbeitsumfeld gefährlich ist, zum Beispiel unter Tage oder auf der Straße,
  • die Arbeit sie körperlich oder seelisch zu stark belastet,
  • keine Zeit und Kraft mehr für die Schule und zum Lernen bleiben.
Und ich komme nicht umhin, auch die andere Seite zu erzählen, die ich hier sehe, Nämlich Kinder, die mit ihrem Bauchladen umher wandern und den Touristen verzweifelt versuchen Handarbeiten, Nüsse oder Bananenbrot aufzuquatschen. Sie traben Berge treppauf und treppab. Spielen ihren Kindermitleidsbonus aus setzen auf ihre Überredungskünste. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann vielleicht beim 2. oder 3. Anlauf. Und das nervt beide Seiten!! Das ist monoton, ausbeuterisch und hält die Kinder vom Lernen ab.

Was ist Arbeit?
Und damit bin ich bei einem Thema gelandet, dass mich seit einiger Zeit sehr beschäftigt. Nämlich die Frage: Was eigentlich ist Arbeit? Dieses Thema interessiert mich, weil ich mich frage, was ich selbst in meinem Leben tun möchte, warum ich etwas tue und ob es an Gegenleistung gekoppelt sein muss. Und es interessiert mich, weil ich viele Menschen nicht darin verstehe, welche Arbeiten und zu welchen Bedingungen sie diese erledigen. Arbeit, wie wir sie im westlichen Sinne verstehen, hat oftmals mit Würdelosigkeit zu tun. Oder wie wir oben lesen können, gibt es gefährliche, monotone, seelisch belastende Arbeiten, die zwar Kinder nicht erledigen sollen, Erwachsene jedoch schon. Man kann an dieser Stelle nun argumentieren, dass die Erwachsenen erwachsen sind und selbst darüber entscheiden können, ob sie etwas tun oder aus nachvollziehbaren Gründen eben nicht. Meine Beobachtung jedoch ist eine andere: die Menschen erledigen sie in erster Linie, um sich in das bestehenden System integrieren zu können und leider oftmals  auch aus Angst, Zwang oder aus Alternativlosigkeit heraus. Die große Mehrheit der Menschen hängt vom Weiterfunktionieren des Systems völlig ab, da sie keine andere Existenzoption haben. Nur in wenigen glücklichen Fällen, kommt die Passion mit stressfreier Erwerbstätigkeit zusammen.
Wikipedia unterscheidet zwischen bezahlter Erwerbstätigkeit und unentgeltlicher Arbeit. Unentgeltliche Arbeit kann neben Sklavenarbeit, Hausarbeit oder Ehrenamt in „Reproduktionsarbeit“, die der Erschaffung und dem Erhalt der Gesellschaft dient, sowie in „Subsistenzarbeit“ unterschieden werden, die der Mensch verrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu produzieren und so sein Überleben zu sichern“.
Doch die meisten widmen sich der bezahlten „Erwerbstätigkeit, der Tätigkeit, mit welcher der menschliche Lebensunterhalt bestritten werden kann“. Man bekommt dafür Geld, also ein abstraktes Tauschmittel, um den wohlgemerkt „menschlichen“ Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Nur mal so am Rande: kein anderes Lebewesen auf der Erde, arbeitet, um eine Ersatzwährung zu erhalten, mit der es seinen Lebenserhalt sichert. Aber es geht hier ja auch nicht mehr um Erhalt, sondern Unterhalt …. .
Doch was genau ist der menschliche Lebensunterhalt? Dass ich habe, was ich brauche zum Leben, also Trinkwasser, einen warmen, trockenen Ort zum Leben, etwas zu Essen, sozialen und liebevollen Zusammenhalt? Oder ist es Lebenserhalt plus Konsum oder gar Luxus?

Gier und Unvernunft steuern den Umgang mit lebenserhaltenden Ressourcen
Die klaren Aspekte für den Erhalt unserer Lebens auf der Erde nur noch abstrakt in monetärem Ausgleich zu denken ist nachweislich nicht zielführend. Es führt zu immer mehr ansteigender Ungerechtigkeit.
Vielmehr sollten wir uns überlegen, ob freier und auch selbstbestimmt Zugang zu diesen Ressourcen nicht ein Grundrecht auf der ganzen Welt sein muss. Doch viele Länder erschweren, verunmöglichen oder verbieten gar die Möglichkeit auf ein selbstgestaltetes, unabhängiges Leben. … zu Gunsten der Gier von Menschen, die von sich selbst und von der Welt entfremdeten sind. Scheinbegünstigte – in meinen Augen Opfer – des sich unweigerlich selbstzerstörenden Systems der „Megamaschine“ (Begriff des Historikers Lewis Mumford; 1895-1990 und aufgegriffen von Fabian Scheidler, in seinem sehr empfehlenswerten und aufschlussreichen Buch: Das Ende der Megamaschine). So darf beispielsweise uneingeschränkt und fröhlich Glyphosat auf all unseren Äckern aufgebracht werden, während die Lebensgemeinschaft ZEGG nach 25 Jahren nicht mehr die natürlichen Feststoffe ihres Abwassers  auf ihren eigenen Obstwiesen ausstreuen darf.
Und zu Ungunsten der Ressourcen der Welt, die von uns Menschen angemessen, also nachhaltig genutzt werden sollten und deren Recht auf Nutzung allen Menschen gleichermaßen zustehen sollte.
So darf, wir wissen es alle, Nestlé und Coca Cola Wasser privatisieren und teuer verkaufen. Mit der Begründung, dass sie ja auch die Leistung der Reinigung erbringen … okay, nachdem sie es mit ihrer Chemie untrinkbar gemacht haben. Und schon müssen Menschen im oben definierten Sinne arbeiten, um ihr Überleben, zu neudeutsch „Unterhalt“ zu sichern.
Unvernünftige Überregulation und Zerstörungen der Umwelt verhindern, dass wir von Sonne, fruchtbarer Erde und sauberem Wasser unser Leben gestalten können, wie wir es für uns selbst und unsere Lieben wünschen.
Viel mehr leben wir in einer Gesellschaftsordnung, in der Inhabern von Eigentumsrechten an Existenzgrundlagen anderer Menschen dadurch Einkommen zufließt.
Doch zurück zu den Dreien im Gemüseladen.
Ist das jetzt Arbeit, im Sinne des Bestreitens von menschlichem Lebensunterhalt? Ist es verwerflich, dass die Kinder hier nicht ihre Kindheit frei und unbeschwert genießen können? Oder – um einmal eine ganz andere Perspektive einzunehmen – ist es Lernen mit Wirklichkeitsbezug, Freude und Erfahren von Selbstwert durch entgegengebrachtes Vertrauen und Verantwortung?
Die Frage, die sich mir aufdrängt: Sind sie tatsächlich weniger unbeschwert als die Kinder in Deutschland? Kinder und Jugendliche, die einem immer massiver werdenden Leistungsdruck in der Schule und der Gesellschaft ausgesetzt sind? Zumindest sehe ich, dass die Kinder hier Wertschätzung erfahren, wie beispielsweise, das kleine Mädchen von ihrem Vater, welches uns die heißen Temales (Maisschnitte mit verschiedenen Toppings im Bananenblatt) reicht und schon sehr geschäftig und gewissenhaft dieser Aufgabe nachgeht. In ihrem Ausdruck habe ich ehrlich gesagt nichts anders gesehen, als bei meiner kleinen Nichte, wenn sie mir an Weihnachten im Kaufladen verschiedene Sachen aus den Regalen sucht.

Arbeit – per Definition Mühsal und Sklaverei
Ich ziehe erneut Wikipedia hinzu, denn was man über den „Begriff der Arbeit“ dort liest ist schaurig und wirft die Frage auf, weshalb man überhaupt noch Arbeiten wollen wöllte: „Das Wort „Arbeit“ ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbējiðiz, got. arbaiþs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- „verwaist“, Waise, „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota („Knechtschaft“, „Sklaverei“, vgl. Roboter). Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort „travail“ leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab. Das italienische „lavoro“ und englische „labour“ (amerikanisch „labor“) gehen auf das lateinische „labor“ zurück, das ebenfalls primär „Mühe“ bedeutet.“
AHHHHRGRRRR :-O
Gruselig, nicht wahr? Und doch steckt darin sehr viel Wahrheit, denn wenn man Menschen in Lohn und Brot befragt, warum sie ihre Arbeit tun, dann kommt meistens eine Antwort dieser Art heraus. „Ich leiste etwas für jemanden, um im Gegenzug von ihm X zu bekommen“. In der Regel ist X unser Lebensunterhalt in Form von Geld.
Erinnern wir uns noch mal an die Kriterien von Unicef. Vieles, was dort als unzumutbar für die Kinder eingestuft wird, ist in den Arbeiten, die Erwachsene erledigen, mehr die Regel, als die Ausnahme.

Kommt es nicht letztendlich darauf an, ob man die Tätigkeiten freiwillig tut?
Für Dr. Götz Werner ist „Arbeit für andere etwas zu leisten.“ Der Gemeinschaft, also z. B. der Familie, dem Ort, in dem man lebt, eine Gruppe, der man sich verbunden fühlt und Menschen, denen gegenüber man Empathie hat. Also menschliche Gründe, etwas leisten zu wollen. Die Gründe können sehr verschieden sein. Z. B. Zuneigung, Sympathie, Liebe, aber auch eine erkennbare empfundenen Notwendigkeit.
Ist etwas freiwillig zu tun, also aus eigenem Willen, am besten intrinsisch motiviert, dann per Definition überhaupt Arbeit?
Wie viel schöner ist es, wenn es bei der Erledigung von Aufgaben darum geht, wie viel eigene Verantwortung man darin übernehmen kann, ob man diese mit Freude tut, ob man der Aufgabe gewachsen ist, ob die Zeit, die man dafür hat, angemessen ist, welchen Sinn und Wert das Ergebnis hat und ob man dafür entsprechend Rückmeldung erhält, jenseits von monetärer Bewertung.
Wenn man Arbeit als etwas sinnvolles, dem Leben dienendes definiert, was ist dann das andere?
Oder kann man „Arbeit“ einfach getrost abschaffen und nur das andere tun? Es einfach tun, weil es wert ist, getan zu werden.

 

Der künstlerische Geist als lebensdienliches Element

Aktuell gilt Kunst oft als Zeitvertreib, den man sich gelegentlich gönnen kann. 

Eine Liebhaberei, der man frönen kann, wenn Kapazitäten, Ressourcen oder Gelder frei sind oder viel mehr frei gemacht werden wollen und es die politischen, gesellschaftlichen Umstände erlauben bzw. erlauben wollen. Sie trägt nicht wissenschaftlich nachweisbar konstruktiv zu dem bei, was ein menschliches Überleben sichert.

Wieso also bekommt die Kunst in unserem Projekt einen so großen Fokus?  Ein Projekt, das sich dem selbstversorgenden, nachhaltigen Leben widmet? Inwiefern kann die Kunst dazu beitragen? Bei meiner Antwort gehe ich sogar noch einen Schritt weiter mit der Arbeitshypothese, dass Kunst nicht nur dazu beizutragen in der Lage ist, sondern eine grundlegende Basis bietet, um ein selbstversorgendes Leben in Einklang mit Mensch, Tier, Natur auf respektvolle und konstruktive Weise möglich zu machen.

Ich bin überzeugt, dass Kreativität, Spielmodus, Forschergeist, Fragemodus, Wagnisbereitschaft und der Mut, unkonventionelle Wege zu beschreiten unabdingbar für die Neugestaltung eines zeitgemäßen und nachhaltigen Lebens sind. Die Energie, die in solchen Phasen frei wird, prägt wiederum die Stimmung an diesem Ort und das zwischenmenschliche Miteinander auf die Weise, dass eine Gemeinschaft entsteht, in der Neugier, Offenheit, Respekt und Kooperation selbstverständlich sind. Das wiederum integriert auf wertfreie und liebevolle Art auch das Scheitern, die Akzeptanz von Fehlbarkeit und umarmt Attribute, die derzeit gesellschaftlich als negativ verstanden und nicht toleriert werden, sei es Wut, Angst, Schwäche, Unwissenheit, Unsicherheit oder viele andere mehr.

Und eben damit bietet das Wesen der Kunst bzw. das, was dem künstlerischen Geist innewohnt eine wunderbar sinnliche Möglichkeit, das Leben in seiner Gänze und Integration all seiner Teilaspekte wertzuschätzen und persönliches Wachstum zu ermöglichen. 

Viele dieser Teilaspekte des Lebens spielen eine große Rolle in unseren Strategien für ein nachhaltiges und harmonisches Zusammenleben und bedingen sich gegenseitig. So fließen bspw. Prinzipien der Permakultur sowie kollektive Kommunikationsstrategien in die Kunstentwicklung ein. Das sich Mitteilen kann künstlerisch geprägt sein. Bewusstes Wahrnehmen vom Körper und kreatives Bewegen bringt geistige und emotionale Kräfte in Fluss. Empathie begleitet die Aufteilung von notwendigen Tätigkeiten, denn das Wort „Arbeit“ definieren wir sowieso auf eine ganz andere Weise.

Diese Arbeitshypothese gilt es nun im aktiven Experiment zu erforschen. Dafür möchten wir jedoch bestimmte Gegebenheiten, die in Deutschland nicht vorzufinden waren, sei es ein ganzjährig fruchtbares Klima oder die Befreiung aus Strukturen, die wir als destruktiv dem Leben gegenüber erachten. Darum haben wir uns entschieden, unser Projekt in Süd- oder Lateinamerika aufzuziehen.

Am 10. November wagen wir den Absprung in ein neues Leben. 

Mit unserem Flug nach Guatemala machen wir uns auf in das erste von fünf  Ländern (die weiteren sind Panama, Costa Rica, Ecuador und Peru), wo wir unseren Ort zur Realisierung unserer Vorstellung von einem Leben mit mehr Freiraum vermuten für das, was uns am Herzen liegt, nämlich das Zwischenmenschliche, das Künstlerische und das Leben selbst.

Dafür wünschen wir uns ein paar Hektar fruchtbares Land, eine eigene Wasserquelle, eine solarbetriebene Stromversorgung und ein Umfeld mit gleichgesinnten Menschen, um uns in ein sich gegenseitig unterstützendes Netzwerk integrieren zu können.